Georg Friedrich Händel: Der Messias, Montage: rbb
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Gesang - Georg Friedrich Händel: Der Messias

Der Messias gehört nicht nur zu Händels berühmtesten Werken, es ist wohl das populärste Oratorium überhaupt. Unzählige Male ist es aufgenommen worden, nun ist eine weitere Doppel-CD in der Vorweihnachtszeit auf den Markt gekommen – unter dem Dirigenten Hervé Niquet.

Aufgenommen wurde hier die Spätfassung von 1754 für London (die Premierenfassung ist für Dublin entstanden.) diese interessante Version ist nur noch einmal unter Christopher Hogwood verfügbar, und Niquet hat recht, wenn er im Booklet vermerkt, dass diese Einspielung doch schon etwas Staub angesetzt hat.

Eine der wichtigsten Änderungen gegenüber der Erstfassung ist, dass hier die Partitur, die ja zunächst für 4 Solisten gedacht war, in 5 aufgesplittet wird; die Sopranpartie wird auf zwei Sängerinnen verteilt. Es gibt auch sonst viele kleine Änderungen, Kürzungen und Erweiterungen, die vielleicht nicht nur Gelegenheitsbasteleien vor Ort waren, sondern auch den reiferen Händel dokumentieren, der an seinem über ein Jahrzehnt zurückliegenden Werk kleine kosmetische Korrekturen vornimmt.

Eine weitere Neuerung dieser Fassung war, dass der Chor von  30 auf 60 Choristen erweitert wurde. Zu hören bekommen wir allerdings nur die originalen 30. Insofern ist diese Einspielung eine Mogelpackung, die mich ärgert, denn wenn schon die 1754er Version, dann bitte mit Haut und Haar.

Haims Einspielung nicht übertroffen

Das manches hier erstaunlich anämisch klingt, das liegt nicht nur an der schlanken Besetzung des Concert spirituel. Hervé Niquet hat seinen Chor oft auch noch zusätzlich zurückgenommen, um eine eher kammermusikalische Wirkung zu erzielen. Das mag mancher bewundern als konzis, querköpfig und feinsinnig, ich mag's hier im Messias lieber etwas zupackender, und das geht sicherlich auch mit Beachtung aller neuen Erkenntnisse in der Alten Musik. Es muß nicht klingen wie Halle 1960 und kann trotzdem rocken.  Emmanuelle Haim hat das 2014 in ihrer Einspielung bei Erato exemplarisch vorgeführt.

Großer Vorteil allerdings gegenüber der Haim-Aufnahme: Skeptiker der Countertenoreuphorie, die im 21. Jahrhundert groteske Formen angenommen hat, können sich hier entspannt zurücklehnen.    Danke, Hervé Niquet! In letzter Zeit ist ja kaum noch Messias zu finden, in dem kein Countertenor herumspukt. Warum, habe ich nie so ganz verstanden.  Es gibt zwar eine Fassung von Händel für den Kastraten Guadagni, (eine! nicht alle, wie man fast glauben könnte), die Premiere in Dublin war nicht mit Kastrat besetzt. Und wie man hören kann, ist ein guter Mezzo eine Wohltat fürs Ohr. 

Anthea Pichanick absolviert den Contralto-Part ganz wunderbar.  Sandrine Piau – wie immer ganz Profi und makellos, perfekt zuweilen bis an den Rand der Langeweile, auch etwas tiefere Sopran von Katherine Watson mit der neu hinzugekommenen Stimme ist gut gewählt und passt vorzüglich zum restlichen Ensemble. Die große Entdeckung für mich war allerdings Andreas Wolf, ein deutscher Bassbariton, Schüler von Thomas Quasthoff, ein herausragender junger Sänger, von dem man hoffentlich bald mehr hören wird.

Zu schnell und zu höflich

Bleibt eine eher zu hastige, in vielen Tempi zu schnelle und mir zu unakzentuierte Interpretation durch Hervé Niquet.

Seine These im Vorwort ist, dass Händels Oratorien eigentlich kontinuierliche Fortsetzungen des Opernkomponisten sind, plus einiger Einflüsse aus Deutschland, besonders was Passionsmusiken angeht – ich finde das durchaus plausibel, kann aber nicht immer ganz nachvollziehen, wo nun genau der eigentlich begrüßenswerte musikdramatischere Zugriff aufs Werk durch Niquet stattfindet. Hatte ich zu hohe Erwartungen? Eigentlich hätte ich mir grade von ihm, der in den letzten Jahren wunderbare hochdramatische französische Opernmusik zelebriert hat, etwas mehr Swing und Pepp in diesem unendlich oft aufgeführten und aufgenommenen Oratorium gewünscht. Oft bleibt dieser Messias, obwohl von allen Beteiligten vorzüglich und makellos gesungen, doch in einer etwas höflichen Feierlichkeit stecken. Vom Halleluja bin ich jedenfalls weit entfernt, trotz des hübschen CD-Outfits mit einem äußerst sympathischen Schaf auf dem Cover.

Matthias Käther, kulturradio

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