Philippe Jaroussky: The Händel Album © Erato
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CD-Kritik - Philippe Jaroussky: "The Händel Album"

Bewertung:

Der französische Countertenor Philippe Jaroussky hat sich bei seinem neuen Album ganz und gar dem Opern-Komponisten Händel verschrieben – und zwar zum ersten Mal in seiner doch schon fast 15 Jahre währenden Schallplattenkarriere. Warum erst zu diesem späten Zeitpunkt?

Seit anderthalb Jahrzehnten erfolgreich, ist dies das tatsächlich erste Händel-Recital des französischen Countertenors Philippe Jaroussky (39). Er selber begründet das im Booklet mit der Tatsache, er sei erst spät dazu gekommen, entsprechende Rollen auf der Bühne zu singen. Tatsächlich hat Jaroussky darauf geachtet, zu bestehenden Gesamtaufnahmen, in denen er mitwirkt (wie "Giulio Cesare", "Alcina“ und "Faramondo"), keine Doubletten und Überschneidungen zu liefern. So dass hier mit Werken wie "Imeneo", "Ezio", "Siroe", "Flavio", "Tolomeo", aber auch bekannteren Händel-Opern wie "Xerxes", "Radamisto" und "Giustino" ein sehr guter Mix aus Entdeckungen und Entdecktem entsteht. Samt reichlich musikalischen Volltreffern.

Eine vortreffliche CD

Jaroussky war von Anfang an ein blendend virtuoser, staunenswert geläufiger Konzert-Countertenor von nicht allzu großem Tonumfang. Der Sache nach ein Mezzo (im Unterschied etwa zur Sopran-Lage eines Franco Fagioli oder zur fast Tenor-Lage bei Xavier Sabata), hat die Stimme nie einen Fachwechsel vollzogen. Sondern sich nur in Richtung Oper freigestrampelt. Im Lauf der Jahre ist ein wenig Lack abgegangen – oder Jugendschmelz verflogen. Leicht aufgerauht und gläserner als zu Beginn, hat Jaroussky an Bühnenpräsenz und Bühnensouveränität deutlich zugelegt. Wer ihn in letzter Zeit im Konzert (auch in Berlin) erlebt hat, wird das bestätigen können. Das nützt der inneren Durchdringung und psychologischen Empfundenheit der hier gebotenen Opern-Arien. Die neigen niemals zur Hauptsünde heutiger Händel-Interpretationen: dem Schnellschusshaften einer Gelegenheitsbegegnung. Hier vielmehr: Reife und Musikalität! Und das bleibt immer noch das Wichtigste bei jedem Countertenor.

Auch wenn bei Händel keine Weltersteinspielungen mehr zu verlangen sind, gibt es von nur wenigen Arien Konkurrenz-Angebote; und falls doch, dann sind sie meist opernhafter (etwa bei Bejun Mehta). Eine vortreffliche CD also, bei der – wie immer man sich das vorstellen mag – der Sänger zugleich auch als Dirigent seines Ensembles Artaserse figuriert.

Kai Luehrs-Kaiser, kulturradio

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