Marlies Petersen: Dimensionen - Welt
Bild: Solo Musica; Montage: rbb

Vokalmusik - Marlis Petersen: Dimensionen Welt

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Marlis Petersen gehört zu den vielseitigsten deutschen Opernsängerinnen – sie wird ebenso für Mozart-Rollen angefragt wie für Verdi oder zeitgenössische Musik. Nun hat sie ein dreiteiliges CD-Lied-Projekt gestartet. "Dimensionen" heißt es. Teil eins ist jetzt erschienen – mit dem Titel  "Welt".  

"Dimensionen - Welt" – Tucholsky würde fragen: "Darunter tun Sie’s nicht?"
Das ist der bombastischste Projekttitel, den ich in der Klassikszene seit langem gehört habe.  
Das ganze Album wirkt in der Aufmachung wie eine esoterische Meeresrauschen-Entspannungs-CD. Die Texte sind weniger entspannend. Sie strapazieren des Zwerchfell. Dass es solche schlecht geschriebenen esoterischen Pamphlete im 21.Jahrhundert noch gibt! Als Connaisseur unfreiwillig komischer Elaborate bin ich natürlich entzückt. Das Booklet klingt, als würde Adorno bekifft Frau Blavatzkis Schriften ins Deutsche übersetzen.
Man kann ja gern abgefahrene Konzepte für Klassik-Alben haben, man kann auch gern mit der Elfenwelt kommunizieren, aber muss es in wilden Klemmkonstruktionen sein, in adjektivüberfrachteten Sätzen, in denen man bei der Lektüre sechs Zeilen lang warten muss, bis endlich das erlösende Verb auftaucht? Warum sind Esoteriker eigentlich oft so schlechte Stilisten? Schade eigentlich, denn es gibt eine ganze Menge Bedenkenswertes, das uns Frau Petersen zu sagen hat.
Auch musikalisch. Gottseidank. Seltsam, dass eins der schlechtesten Booklets eines der schönsten Liedalben der letzten Jahre kommentiert.

Reife Leistung

Zugegeben - die Stimme der mittlerweile reifen Koloratursopranistin ist in den Höhen etwas enger geworden, diese Verengung ist aber noch nicht unangenehm für die Ohren. Wenn man genauer hinhört, sind auch manche Ansätze sind nicht mehr ganz mühelos. Doch "reif" ist hier durchaus nicht als Euphemismus für "abgenutzt" gebraucht worden. Im Gegenteil. Es gibt durchaus jüngere Sängerinnen, die nicht so leichtfüßig klingen wie diese wunderbare Sopranistin und es vermutlich auch nie werden. Hier schlägt sich auch die kostbare Erfahrung als Opernsängerin nieder. Marlis Petersen artikuliert wunderbar und schafft es, sich in dieses alte Liedgut so hineinzuversetzen, dass die Distanz, die viele Sänger zu den alten Texten haben (schließlich sind nicht alle von der Qualität Goethes und Heines), hier nicht spürbar wird. Der Hörer hat wirklich den Eindruck, Marlis Petersen nimmt das Lied als Gesamtkunstwerk ernst, sie liebt die Verse ebenso wie die Musik. Sie verweigert einfach die Distanz. Eine seltene Gabe.

Seltsame Struktur

Das Album versucht, Lieder des 19. Jahrhunderts auf bestimme esoterische Aspekte hin zu ordnen. Zusammengefügt wurden die Stücke zu jeweils vier Abschnitten: Himmel und Erde, Mensch und Natur, Los und Erkenntnis und Hoffnung und Sehnsucht.

Nett! Das Problem ist nur, dass diese Begrifflichkeit so weit gefasst ist, dass unter diesen acht Schlagwörtern etwa vier Fünftel aller Lieder, die je schrieben wurden, untergebracht werden können. Die Pathetik der Konzeption schlägt am Ende in Banalität um. Eine Nummer kleiner hätte es auch getan. Trotz aller Schaumschlägerei entstehen dabei jedoch oft aufregende Lied-Zusammenstellungen. Auch harmonisch. Und dass Marlis Petersen versucht, mit ihrem exzellenten Pianisten Stephan Matthias Lademann überhaupt so etwas wie eine sinnvolle Struktur in romantisches deutsches Lied-Repertoire zu bringen, ist durchaus sympathisch.

Zu finden sind hier (meist) wenige bekannte Lieder von berühmten Meistern – es sind die großen Liedkomponisten der Romantik, Schubert, Schumann, Brahms, Clara Schumann.  Sehr interessant ist ein weiterer Komponist, von dem hier drei Liedern zu hören sind  - Hans Sommer, ein Spätromantiker. Alle drei Lieder gehören für mich zu den schönsten des Albums. Was wieder einmal beweist:  Es ist kein Fehler, unbekanntes Repertoire in solche Projekte mit aufzunehmen, im Gegenteil, oft erhält ein Album dadurch erst die richtige Würze.

Matthias Käther, kulturradio

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