"Alexander Melnikov: Four Pieces – Four Pianos"; Montage: rbb
Bild: Harmonia Mundi

CD-Kritik - Alexander Melnikov: "Four Pieces – Four Pianos"

Bewertung:

Auf einer neuen CD bei der Harmonia Mundi spielt der russische, in Berlin wohnhafte Pianist Alexander Melnikov "Vier Werke, vier Klaviere" – also jedes Stück auf einem anderen Instrument.

Auf seiner neuesten Solo-CD für die Harmonia Mundi (ehemals: Harmonia Mundi France) kombiniert der russische Pianist Alexander Melnikov vier zentrale Werke von Schubert, Chopin, Liszt und Strawinsky mit vier historischen Flügeln, die aus der Zeit der Komponisten stammen.

Für die "Wanderer-Fantasie", über die Schubert gesagt hat: "Der Teufel soll dieses Zeug spielen", wählt Melnikov einen Wiener Graff-Flügel mit lederumwickelten Hammerköpfen; was für einen weit stumpferen, erdigeren, biedermeierlicheren Ton sorgt als man dies von modernen Instrumenten gewohnt ist. Für Chopins Etüden op. 10 setzt sich Melnikov an einen Érard-Flügel, dessen klingeliger, mondäner, grandpalaishafter Impetus fast einen Porzellanton erzeugt, der gleichfalls üblichen Chopin-Klischees wohltuend widerspricht.

'Sprung in der Schüssel'

Bei Liszts "Réminiscences de Don Juan" sorgt der verwendete Bösendorfer für einen monumentaleren, aber vergleichsweise patzigen Grundeindruck (was auf eine Mischung aus Filz und Leder bei der Hammerkopf-Ummantelung zurückzuführen ist).

Erst für Strawinskys virtuose drei Petruschka-Sätze schwenkt Melnikov auf den üblichen, brillianten Steinway ein. Dies ist dann sozusagen die erste Aufnahme in dieser Folge, die keinen klanglichen 'Sprung in der Schüssel' zu haben scheint. Und mit der wir dann in der Gegenwart angelangt sind.

Anregend gelungen

So erhellend alle Werke hier 'auf den Teppich geholt' werden, so wenig auch sich die übliche Gefahr einer Monumentalisierung, Perfektionierung und Sterilisierung des musikalischen Charakters ergibt, so sehr könnte man dem Projekt eine gewisse Fortschritts-Naivität entgegenhalten. Dadurch, dass dem zeitlichem Fortschritt der Kompositionen auch in der Wahl des Instrumentes Rechnung getragen wird, entsteht der Eindruck, man müsse mit dem Standard des Instrumentenbaus jeweils Schritt halten und in der Wahl des Flügels mit abbilden. (Dabei könnte man Liszt genausogut auf einem älteren Graff-Flügel spielen, den auch Liszt noch kannte.)

Doch das mögen akademische Einwände gegen ein (akademisches) Aufnahmeprojekt sein, das überaus anregend gelungen ist. Dass Melnikov zu den wenigen Pianisten gehört, bei dem jede Nuance jeweils vor- und zurückargumentiert zu sein scheint bis zum Letzten, versteht sich beinahe von selbst. Melnikov gehört zu den wenigen, von seinem Label zurecht verwöhnten Pianisten der Gegenwart.

Kai Luehrs-Kaiser, kulturradio

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