Nicola Porpora: Germanico in Germania
Bild: Decca; Montage: rbb

Oper - Nicola Porpora: "Germanico in Germania"

Bewertung:

Barockmusik boomt auf dem CD-Markt, und das betrifft nicht nur die Instrumentalmusik, sondern auch die Oper. Händel ist da fast schon wieder Mainstream. Jetzt ist eine Oper bei der Decca erschienen von Nicola Porpora – mit dem pompösen Titel "Germanico in Germania". 

Nicola Porpora kann man mit gutem Gewissen als ein Wunder der Barockmusik bezeichnen, besonders deshalb, weil es geradezu an ein Wunder grenzt, dass er als Opernkomponist so spät auf die CD kommt. Und dass er grade jetzt wieder auftaucht, liegt vermutlich daran, dass sich sein 250. Todestag am 3. März jährt. Wenn man seine Musik hört, dann fragt man sich wirklich wehmütig, ob man man ihn nicht schon früher hätte wiederentdecken können.

Vor diesem Hintergrund ist die Decca-Einspielung ein bejubelnswerter Meilenstein von Symbolcharakter. Denn das traditionsreiche Label und damit die Universal-Mediengruppe legt damit eine hochoffizielle erste komplette Porpora-Oper vor – eine echte Verneigung vor einem Jahrhundertgenie, dem Lehrer Farinellis und Haydns. (Sicher, da gibt es noch den Livemitschnitt seiner Arianna bei Bongiovanni. Aber der ist aus den verschiedensten Gründen ziemlich drittklassig.)

Und die Decca hat sogar noch nachgelegt, im Kometenschweif des Germanico folgt noch zum Geburtstag eine Arien-CD mit Porpora-Stücken, gesungen vom Counter Max Emanuel Cenčić, der auch hier die Titelpartie singt. Sicher ist Cenčić eine treibende Kraft bei der Porpora-Renaissance.

Vorläufer des Belcanto

Porpora weicht nicht groß vom Schema F der handelsüblichen Opera Seria ab, er ist weiß Gott kein Reformer. Aber er hat eine seltsam magische Gabe, Verzierungskunst und Emotion zu etwas sehr Originellen zu verknüpfen, was ihn zu einem echten Vorläufer des Belcanto macht. Vielleicht fehlt ihm manchmal die Tiefe Händels, aber dafür auch dessen oft steifbeinige Würde. Porpora teilt mit Vivaldi die Fähigkeit, immer gefühlvoll und ambitioniert zu klingen, selbst wenn er auf Autopilot umschaltet.

Sein Stil ist extrem ornamental, ohne banal zu sein, und auch wenn ihm vielleicht die dramatische Durchschlagskraft der Konkurrenz fehlte, war er doch einer der besten Stimmkenner seiner Ära. Und wenn jemand wie Julia Leshneva das wirklich authentisch und stilsicher singen kann, ist es wirklich atemberaubende Musik.

Intelligent besetzt

Das Stück ist für Rom in den 1730er Jahren komponiert worden. Damals waren dort Frauen auf der Bühne verboten. Das wäre die unheilvolle Steilvorlage für eine Begründung gewesen, die Aufnahme mit Countertenören vollzustopfen. Das hat die Decca nicht getan. Ich neige selten zu Wortwiederholungen – aber hier sind sie mal gerechtfertigt: Danke, danke, danke! Glücklicherweise   hat man nur die Titelrolle mit einem sehr guten Counter besetzt, nämlich Cenčić, und die anderen Kastratenrollen großartigen Sängerinnen überlassen.

Julia Lezhneva sticht da sicher heraus mit der größten Stilsicherheit und einem fast schon unheimlichen Talent für brillante Triller, die besten, die ich je gehört habe. Sie bekommt aber enorme Konkurrenz durch Dilyara Idrisova , eine Sopranistin, die vielleicht nicht ganz so stupend in der Technik ist, aber über das schönere Timbre verfügt. Ausgezeichnet auch der Tenor Juan Sancho, der mit jeder Aufnahme besser wird, was man nun wahrlich nicht von jedem Tenor behaupten kann. Mary-Ellen Nesi ist mit ihrer rauhen Stimme vielleicht nicht mein Lieblings-Barock-Mezzosopran, aber sie meistert die schwierige Rolle des Armonio immer noch eleganter, als so mancher Counter es gekonnt hätte.

Ähnlich wie Bellini war Porpora zwar ein genialer Stimmkenner, aber kein aufregender Orchestrierer. Seine Begleitung ist recht trocken, und so kommt die exzellente Capella Cracoviensis diesmal nicht wirklich dazu, sich voll zu entfalten. Und leider ist die Akustik in Kraukau, wo man aufgezeichnet hat, seltsam muffig, sodass der Sound etwas dumpf klingt. Aber insgesamt ist das eine große Aufnahme und nachdrücklich jedem Barockopernfan zu empfehlen.

Matthias Käther, kulturradio

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