"Anna Bonitatibus: En Travesti"; Montage: rbb
Bild: BR Klassik

Arien - Anna Bonitatibus: "En travesti"

Bewertung:

Anna Bonitatibus gehört zu den erfolgreichsten italienischen Mezzosopranistinnen der Gegenwart, ihr Repertoire umfaßt erstaunliche 50 Rollen. Jetzt hat sie ein neues Album auf den Markt gebracht – zu hören sind Hosenrollen-Arien aus 200 Jahren Operngeschichte.

Eine Hosenrolle ist eine Partie in einer Oper, in der eine Frau einen Mann spielt. Da ja bis Anfang des 20. Jahrhunderts Frauen keine Hosen trugen, war das ein sehr treffender Begriff. Ein Reiz des Albums besteht darin, dass Anna Bonitatibus wirklich darauf geachtet hat, nur solche Männerpartien zu singen, die wirklich von den Komponisten für Sängerinnen geschrieben wurden, darunter sehr berühmte wie den Cherubino aus Mozarts "Hochzeit des Figaro".

Und wirklich sehen im Mittelpunkt die Hits: "Tancredi" von Rossini, Oktavian in Straussens "Rosenkavalier", Nicklause in "Hoffmanns Erzählungen". Und das hat mich etwas enttäuscht, denn Frau Bonitatibus hat in uns in den letzten Jahren verwöhnt mit sensationellen unbekannten Arien; ihr Doppel-Album mit Szenen aus Semiramis-Opern etwa war spannend, superb und ist schwer zu überbieten. Hier bekommt man etwas geliefert, das der Klassikfan in der Regel schon irgendwo im Schrank hat – sie ist ja auch nicht die Erste, die eine Hosenrollen-CD produziert hat; immerhin, einige Schmankerln sind dabei, etwa eine schöne Musicalnummer aus Henry Mancinis "Victor/Victoria".

Hosenrollen mal nicht martialisch

Doch auch wer die Arien kennt – so hat er sie wahrscheinlich selten gehört. Es sind meistens die Tigerinnen, die forschen, maskulinen Altistinnen oder Mezzosopranistinnen, denen man das Hosenrepertiore abkauft, Primadonnen wie Marilyn Horne, Eva Podles oder Joyce di Donato. Da ist Anna Bonitatibus ein ganz anderer Typ. Obwohl sie auch über kraftvolle Töne verfügt, ist hat immer eine schlanke, fragilem, fast zerbrechliche Art zu singen, ohne die Figuren geschweige denn die Musik zu beschädigen. Ihre Männer klingen weich, aber nicht weichlich, hochsensibel, aber selbstbewußt. Das sind keine Mädchen, die in Männer-Stiefeln herumstapfen, sondern wirklich überzeugende androgyne Kerle – das klingt einfach wunderbar und ist mal ein anderer Blick auf das Phänomen Hosenrolle. Tatjana Trojanos hatte das zuletzt in ihrer Stimme, und das ist verdammt lange her.

Dirigent Corrado Rovaris sagte mir bisher nicht viel, ein Musiker, der als Chordirigent an der Scala begann – aber nach dieser Aufnahme sollte man sich den Namen notieren und die Augen und Ohren offenhalten, wenn Neues von ihm auf dem Markt erscheint. Sein 18. Jahrhundert klingt ein bisschen langweilig, dafür sind die Belcanto-Partien aus dem 19. Jahrhundert hochambitioniert mit viel Gespür für Tempi begleitet worden.

Matthias Käther, kulturradio

Weitere Rezensionen

Gioacchino Rossini: Aureliano in Palmira © Naxos
Naxos

Oper - Gioachino Rossini: "Aureliano in Palmira"

Das Jahr 2018 neigt sich dem Ende zu, und mit ihm geht auch das Rossini-Jubiläums-Jahr zu Ende. Kurz vor Toresschluss erschien bei Naxos Rossinis Oper "Aureliano in Palmira" in einem Mitschnitt vom Rossini-Festival in Bad Wildbad. 

Bewertung:
The Classic André Previn © Sony/RCA
Sony/RCA

55 CD-Box - "The Classic André Previn"

In einer großen Box mit Orchester- und Kammermusikwerken sind die gesammelten, bei RCA und anderen amerikanischen Labels erschienenen CDs des in Berlin geborenenen André Previn wiederveröffentlicht worden. Ist Previn von allgemeiner Bedeutung – oder eher ein Berliner Klassiker?

Bewertung: