Olivier Messiaen: Catalogue d’oiseaux © Pentatone
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Neue Musik - Olivier Messiaen: Catalogue d’oiseaux

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In einer neuen 3-CD-Box spielt der französische Pianist Pierre-Laurent Aimard den umfangreichen "Catalogue d’oiseaux". Der Zyklus entstand in den 50er Jahren – Neue Musik zum Fürchten?

Der inzwischen 60jährige Pierre-Laurent Aimard ist der Pianist mit dem vielleicht distinktesten, klangästhetisch unverwechselbarsten Ansatz überhaupt. Aimard kommt es nicht auf Gefühlsentäußerung im Sinne klassischer Klavierkunst an, sondern darauf, eine Transparenz des Klangs im Raum hörbar zu machen. Das hat er von Debussy übernommen und bei Messiaen vertieft, den er bereits mit zwölf Jahren noch persönlich kennenlernte.

Jetzt hat Aimard, lange und mit Spannung erwartet, endlich auch den zweiten, epochalen Klavierzyklus Messiaens aufgenommen, nämlich den "Catalogue d’oiseaux". (Aimards vorangegangener, vor bald zwanzig Jahren entstandener andere Zyklus Messaiens, die "Vingt regards sur l’enfant Jésus", gehört zu den besten Klavier-Aufnahmen der Nachwende-Zeit.)

Der Natur abgelauscht

Messiaen selbst hielt sich viel darauf zugute, die Stimmen der dreizehn Vögel, die in diesem Katalog portraitiert werden, gleichsam objektiv der Natur abgelauscht zu haben. Nicht Komponieren nannte er das, sondern "rédaction musicale".

In gewissem Sinne hält Aimard dies für ein Selbstmissverständnis des Komponisten. Aimard hebt darauf ab, Messiaen habe in diesen Zyklus alles das hineingelegt, was er damals, in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts, persönlich und auf andere Weise nicht habe sagen können. Nämlich Privates. Gewidmet ist der Zyklus seiner späteren Ehefrau, der Pianistin Yvonne Loriod. Und der "Loriot" (der Pirol) war auch nicht zufällig der erste Vogel, dem er das früheste dieser Stücke widmete.

(Da die erste, schon demente Ehefrau des Komponisten damals noch lebte, bedeutete die Liebe zu Loriod für den erzkatholischen Messiaen einen enormen moralischen Konflikt.)

Irisierend, klangreich und weich illuminiert Aimard die dreizehn Stücke mit ungeahnter Raffinesse, mit Zartsinn und Diskretion. Hier ist nichts pamphlethaft (wie in Yvonne Loriods eigener Interpretation), aber auch nichts chopinhaft konventionell (wie in Anatol Ugorskis prominenter Konkurrenzaufnahme).

Glorios – Der Zyklus des Jahres

Natürlich verhehlt das Set nirgendwo die Verrücktheit, die gleichfalls in dem Zyklus steckt. Wenn man die 3-CD-Box öffnet, fallen einem sogleich Vogelfedern entgegen... Auf einer beigefügten Film-DVD erläutert der Pianist detailliert jedes einzelne Stück. Für diese gloriose Box hat sich der Weggang von der Deutschen Grammophon für Aimard wahrlich gelohnt. Schon jetzt der Zyklus des Jahres.

Kai Luehrs-Kaiser, kulturradio

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