"Emil Gilels – The Unreleased Recitals at the Concertgebouw 1975–1980"; Montage: rbb
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Klaviermusik - Emil Gilels – The Unreleased Recitals at the Concertgebouw 1975–1980

Bewertung:

In einer Box mit 5 CDs sind jetzt die gesammelten Klavier-Solo-Aufnahmen von Emil Gilels erschienen, die zwischen 1975 und 1980 live im Concertgebouw in Amsterdam mitgeschnitten wurden. Titel: "The Lost Recordings". Waren diese Aufnahmen wirklich verloren?

Der legendäre russische (bzw. ukrainische) Pianist Emil Gilels (1916–1985) unterhielt zum Concertgebouw in Amsterdam ein besonders inniges Verhältnis. In sehr dichter Folge gab er hier Solo-Recitals, die in dieser 5 CD-Box erstmals veröffentlicht werden; etwas großspurig tituliert als "The Lost Recordings". Das Repertoire aus den Jahren 1975 bis 1980 zeigt Gilels auf dem Gipfel seines Könnens. Dabei konzentriert er sich auf genau jene Felder, die ihm in jener Zeit am wichtigsten waren: Beethoven (Sonaten Nr. 7, 8, 12, 25–27), Brahms (Balladen, Fantasien op. 116) und Prokofjew (Visions fugitives etc.); sowie etwas Mozart, Schumann, Liszt (h-Moll-Sonate), Scriabin und Ravel.

Pointiert

Mit dem Zyklus sämtlicher Beethoven-Sonaten, den Gilels in Berlin für die Deutsche Grammophon unter Studio-Bedingungen begann, sollte er bekanntermaßen nicht fertig werden (da er zuvor starb). Bekannt an seinem Beethoven-Spiel aus dieser Zeit ist auch eine gewisse Gemeißeltheit, ein unnachgiebiges Ringen um Ultimativität, was zu Lasten von Spontaneität und Lebendigkeit ging.

Hierzu nun hat diese Box enorm Erhellendes beizutragen. Denn genau die genannten Schwächen, wenn Gilels live spielte, fallen hier nicht ins Gewicht. Der Interpret, auch bei Beethoven, wirkt pointiert, rhythmisch unerbittlich wie immer, aber nie unflexibel. Sondern fast gelöst. Den wahren Beethoven, soweit es Gilels anbetrifft, findet man bei diesem Pianisten nicht in den Studio-Aufnahmen, sondern in dieser Box.

Ein epochales Set

Gilels' Eigenart bestand darin, dass er den Stücken, die er spielte, gleichsam hart auf die Finger klopfte – gerade so aber deren Lyrik freizusetzen verstand. (Darin war er das genaue Gegenteil seines Kollegen Svjatoslav Richter, mit dem er oft in einem Atemzug genannt wird: Dieser favorisierte einen weichen Anschlag, um daraus eine merkwürdig magische Stringenz herzuleiten.) Damit war Gilels bei Prokofjew und Scriabin (Préludes op. 74, Etüden op. 2, Nr. 1 und op. 8 Nr. 2; letztere nur hier!) genau an der richtigen Adresse. Beide Komponisten spielt er ausnehmend ernst, auf formale Unbestechlichkeit bedacht, um gerade so ihren virtuosen Überschlägen Bedeutung beimessen zu können.

Ein epochales Set, denn man trifft den reifen, späteren Gilels nirgendwo lebendiger, beinahe lässiger als hier.

Kai Luehrs-Kaiser, kulturradio

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