Friedrich von Flotow: Martha; Montage: rbb
Bild: Oehms Classics

Oper in 4 Akten - Friedrich von Flotow: "Martha"

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Angeblich ist die deutsche Spieloper fast ausgestorben, und Komponisten wie Lortzing, Flotow und Co. so gut wie vergessen. Doch vor zwei Jahren gab es eine "Martha" in Frankfurt am Main, die Aufsehen erregte. Und die ist nun bei Oehms auf CD erschienen.

Das Aufregende an dieser "Martha" ist, dass sie vom alternativen Wagner-Hügel kommt. Wer Wagner liebt und Bayreuth hasst, der wallfahrt zur Frankfurter Oper. Hier hat Dirigent Sebastian Weigle nicht nur einen sehr spannenden "Ring" dirigiert, sondern auch alle drei Jugendopern, die in Bayreuth nicht laufen dürfen. Und ausgerechnet Weigle widmet sich einer der vernachlässigten Spielopern. In einer erstaunlich guten Besetzung.

Solide besetzt

Wir Radiojournalisten neigen mitunter zu knappen Formeln – doch die Vornamen des Tenors AJ Glueckert schreibe ich wirklich deshalb nicht aus, weil ich sie nicht kenne. Glueckert ist ein Tenor, der wenig Persönliches von sich preisgibt. Er verheimlicht uns nicht nur seine Vornamen, sondern auch seine Herkunft. Auf keiner Internet-Seite, nicht einmal seiner eigenen, gibt er seine Nationalität preis. Auch im Booklet schweigt man sich aus.

Wer oder woher AJ Glueckert auch immer ist, eines ist kein Geheimnis: Er kann was! Er ist singt den Lyonel mit Delitakesse und Fingerspitzengefühl. Sogar mit der Leichtigkeit, die es hier trotz aller Schwerblütigkeit der Figur musikalisch braucht.

Ein weiterer Grund, sich diese Aufnahme zuzulegen, ist die Schwedin Maria Bengtsson, in der – fast hätte ich gesagt Titelpartie. Aber der Witz ist ja, dass es gar keine Martha gibt, sie ist ein Alias der reichen Lady Harriet, die einen Tag lang Magd spielt.

Die Sängerin der Lady also ist nicht nur ein Hingucker, sondern auch ein akustisches Ereignis. Ihre Koloraturen sind etwas angestrengt, aber man muss bis in die Vierziger- und Fünfzigerjahre zurückgehen, um eine Martha mit wirklich flotten Koloraturen zu hören, zu Erna Berger oder Wilma Lipp. Das große Pfund, mit dem Frau Bengtsson wuchern kann, ist ein strahlend silbernes, anmutig klingendes Timbre.

"Marthas" berühmte irische Strophen habe ich so bewegend selten gehört. Mal nicht die große Kitschkiste, sondern bewegender Lyrismus – so soll es sein. Auch Katherina Magiera (Nancy) und Njörn Bürger (Plumkett) als Buffo-Paar sind auf Augenhöhe mit dem seriösen Fach.

Der Held ist der Dirigent

Die Handlung der Inszenierung wurde in die Gegenwart verlegt. Und es gibt ein paar kleine Textretuschen. Die dem Werk ganz gut bekommen, wenn mir solche Eingriffe auch grundsätzlich Magenschmerzen bereiten. Nicht weil ich da Purist bin, sondern weil ich Feigheit wittere. Wenn man das bei Wagner machte, wäre der Lärm groß. Und da lohnte es sich wirklich. Es sind immer die kleinen Komponisten, die keine Lobby haben, die unter Eingriffen leiden. Eigentlich agieren die Regisseure da genau wie gewisse Typen damals auf dem Schulhof.

Unterm Strich treibt Sebastian Weigle das Spiel temperamentvoll und fast wütend voran. Dadurch bekommt das alles eine Seriosität, ein Feuer, was ich mitunter in den fluffig dahinhüpfenden Einspielungen von Wallberg oder Heger vermisse. Hier macht sich bemerkbar, dass das ein Dirigent ist, der den ganz jungen Wagner der 1840er Jahre gut kennt, das ist ja dieselbe Zeit. Deswegen: Trotz Bühnengerumpel und kleiner Abstriche in der Interpretation eine markante Aufnahme, die in ihrer wagnerschen Stringenz den Komponisten Flotow noch einmal ganz neu gewichtet.

Tolle Ausstattung

In weiteres Mal kann ich die haptisch-optische Seite der Oehms-Opern-CDs nur preisen. Schöne Verpackung, übersichtliche Tracklisten, vollständiges Libretto im Schuber, interessanter Einführungstext – und das zu einem fairen Preis. Ich weiß, ich klinge wie ein Teppichhändler beim Ausverkauf – aber da diese Art von Service so selten geworden ist, klinge ich gern so.

Matthias Käther, kulturradio

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