Eduard Künneke: "Herz über Bord"; Montage: rbb
Bild: Capriccio

Operette - Eduard Künneke: "Herz über Bord"

Bewertung:

Eduard Künneke ist einer der wichtigsten deutschen Operettenkomponisten der 20er und 30er Jahre – aber noch längst sind nicht alle seine wichtigen Werke auf CD zu haben. Das Label capriccio hat nun eins nachgelegt, ein Werk, das während der NS-Zeit entstand, "Herz über Bord".

Die Uraufführung fand 1935 in Zürich statt, doch das Werk wurde noch im selben Jahr in Deutschland gezeigt. Ein hybrides Werk – das Libretto stammt von zwei jüdischen Autoren, der schöne Titel wurde dem gleichnamigen Roman der ebenfalls jüdischen Schriftstellerin Lili Grün entlehnt. Vielleicht als kleines inoffizielles Dankeschön heißt die Hauptfigur der Operette auch Lili – ansonsten hat die Handlung mit der Vorlage wenig zu tun.

Es muss eine schwierige Arbeit gewesen sein – den Librettisten war ganz sicher nicht nach Scherzen zumute, und auch Künneke wusste noch nicht so recht, ob er in Nazi-Deutschland als Komponist weiter auf den Drahtseil tanzen konnte. Die Verse sind extrem schlecht, selbst für eine silberne Operette, und Künneke komponiert über weite Strecken lapidarer und formelhafter als sonst.

Das wäre allerdings nicht so schlimm, hätten wir seine originale Partitur. Künneke konnte schwächere Einfälle stets mit brillanter Instrumentierung übertünchen, er war quasi der Rimski-Korsakov der Operette. Und auch die Partitur von "Herz über Bord" muss ein Wunderwerk gewesen sein – ein Jonglieren mit Jazz-Stilmitteln, ohne den Jazz zu offensiv zu zeigen.

Saxofon, gestopfte Trompeten, Banjo, zwei Klaviere sind eingeflochten. Aber diese Instrumentierung ist verschollen, wir haben nur den Klavierauszug. Die Rekonstruktion, die hier versucht wurde, geht auf Franz Marszalek zurück, ein verdienstvoller Operettendirigent, aber eben nicht Künneke – und da merkt man doch, finde ich, dass es nicht ganz bis zur überragenden Meisterschaft reicht, die Instrumentierung aller liebevollen Rekonstruktion hat nicht den Pfiff, den wir von andern Werken kennen, etwa vom etwa gleichzeitig entstandenen brillanten Klavierkonzert. 

Enttäuschend seifig

Hier zeigt sich das Dilemma vieler Operettenproduktionen der letzten Jahre besonders deutlich. Bieder gesunge große Dostal- oder Abraham-Operetten wirken wenigstens noch durch ihre Inspiration, die wie eine Tropensonne durch die verschmutzten Scheiben dringt. Wenn ein Operettenwerk selbst nur dunkel glimmt wie hier und gesungen wird wie ein früher Einakter von Schubert, ist das ganze ein echter Rohrkrepierer.

Diese CD ist unendlich langweilig, und das bei einer Operette, die zwar Durchschnittsware ist, aber in vielen Nummern durchaus Potential hat, bei bissiger und pfeffriger Interpretation aufzublühen. (Wobei wirklich gesagt werden muss, dass einige Szenen einen absolutenTiefpunkt nicht nur in Künnekes Werk, sondern in der Gattung Operette überhaupt darstellen).

Dass man hier aber selbst bei heißen Tanzduetten sanft einnickt, ist nicht unbedingt Schuld der Sänger – die wurden einfach falsch ausgewählt und angeleitet. Martin Koch hat das Zeug zu einem guten Tenor-Buffo, wird hier aber zum Haupttenor hochfrisiert, beide Damen, Annika Boos und Linda Hergarten, wären, das spürt man, mit mehr Ermunterung sicher zu frecheren und doppelbödigeren Interpretationen in der Lage gewesen, bleiben aber in einer Unverbindlichkeit stecken, die in solch einem Werk der Tod ist, und nur Julian Schulzki als Albert wirkt nicht fehl am Platze.

Sicher ist diese Reserviertheit der Sänger auch den extrem schlechten Texten geschuldet. Aber Wayne Marshall am Pult ist einfach eine Enttäuschung. Das ist mir zu mechanisch und seifig dirigiert, ohne den Glanz der 30er, ein sehr austauschbarer Sound – es klingt wie in den schlimmen Tagen von John McGlinn und dessen aalglatten weißgewaschenen Musical-Aufnahmen.

Für mich doppelt bitter, weil ich grundsätzlich ein großer Fan des WDR Funkhausorchesters bin.

Matthias Käther, kulturradio

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