Palazetto Bru Zane, © 2018
Bild: Palazetto Bru Zane, 2018

Oper - Charles Gounod: "Le Tribut de Zamora"

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Charles Gounod ist wirklich kein Unbekannter in der Welt der Klassik. Im Jubiläumsjahr 2018 wird so manches wieder ausgegraben: Das Label Palazetto Bru Zane wagt sich an seine allerletzte Oper, das "Tribut von Zamora". Matthias Käther hat sie sich angehört.

Wem das Label unbekannt vorkommt – nur der Name ist neu, es handelt sich um die vielgelobten "Ediciones Singulares", die in eleganter Aufmachung rare französische Opern präsentieren. Die Bestellnummer läuft weiter und fängt nicht wieder bei 1001 an. Und die Ausstattung bleibt dieselbe. Eine Kombination aus Buch und CD-Box mit vielen Infos zwischen den Deckeln. Jetzt also als Nummer 33: die letzte Oper Gounods.

Kein Neuland

Der Stoff: Eigentlich ein hochaktuelles Thema, es geht um Konflikte zwischen Muslimen und Christen, allerdings hier sehr reißerisch präsentiert in Kolportageroman-Form. Die Muslime haben im Mittelalter die spanische Stadt Zamora besetzt, und fordern nun als Friedenstribut, dass die Spanier Frauen an die Muslime ausliefern (20 Jungfrauen, wie sich das für einen Kolportagestoff gehört). Der Wesir-Bote Ben-Said verliebt sich in eine dieser Opernfrauen, hat aber nicht mit deren Mutter gerechnet, die dann über diese Auslieferung wahnsinnig wird und am Ende den armen Ben-Said ermordet.

Den Topos kennen wir schon zu Genüge aus der Operngeschichte, der Stoff hat durchaus Ähnlichkeiten mit Rossinis "Maometto secondo" oder Mozarts "Entführung". Kein Neuland, aber theoretisch eine Steilvorlage für Gounod, um eine große Exotik-Oper zu schreiben.

Exotik-Oper mit wenig Exotik

Das hat er aber nicht gemacht. Verblüffend, wenn man bedenkt, dass um 1880 die Exotik-Oper in Frankreich blühte. Überhaupt hat man das Gefühl, dass Gounods Äthetik um 1865 stehengeblieben ist. Kein Wunder, seine lange Zeit in London und die Querelen mit seiner Geliebten ließen ihn vermutlich den Draht zu den modernen Strömungen in Frankreich verlieren. Das erklärt sicherlich, warum die letzte Oper eines der berühmtesten Opernkomponisten des 19. Jahrhunderts bisher noch nie gewürdigt wurde.

Das ist ungerecht und hat mit unseren hohen Erwartungen an Spätwerke zu tun. Und das Klische stimmt ja auch fast immer – die letzten Opern der Großen wirken fast ausnahmslos wie die Essenz des Lebens, die gezogene Summe aller Erfahrungen, ob Falstaff, Parzifal, Zauberflöte/Titus, Capriccio, Turandot, Hoffmanns Erzählungen, immer ist das so. Nur: Gounod hat eigentlich dasselbe gemacht, aber bei ihm ist es nicht so offensichtlich. Er hat sich nicht neuen Strömungen geöffnet, sich aber dafür mehr nach Innen gewendet und eine Essenz seiner alten Ideale präsentiert. Das heißt, wir finden in dieser Oper eine ganze Menge Einfälle, die so großartig und superb sind, dass sie sich in dieser emotionalen Intensität in keiner andern Oper von ihm finden.

Fast perfekt

Die Umsetzung ist diesmal nur fast perfekt. Jedenfalls gemessen an den sehr hohen Maßstäben, an die wir inzwischen in dieser Reihe gewöhnt sind. Es gibt kleine Abstriche bei den Hauptrollen, Judith van Wanroiy hat in Salieris "Horaces" viel besser gefallen, hier kommt sie als Xaima, die geopfert werden soll, nicht so weich, gelassen und souverän herüber; die Rolle ist ein bisschen zu groß für sie, das gleiche gilt auch für Jennifer Holloway als ihre wahnsininge Mutter, auch sie ist etwas zu robust und verismohaft für den französischen Stil. Eine Wucht allerdings wie fast immer ist der griechische Bariton Tassis Christoyannis, manche Enthusiasten wittern in ihm sogar den neuen Fischer-Dieskau, und wenn man ihn hier als liegenden Moslem Ben-Said hört, ahnt man, warum.

Grandios und wirklich ganz sattelfest im Fahrwasser eines illustren Gounod-Spektakels sind Chor und Orchester des Bayrischen Rundfunks. Herve Niquet versucht gar nicht erst so zu tun, als sei das hier eine Art Massenet für Arme, er kehrt erfreulich schamlos die Knall-Effekte heraus, die der Taschenspieler Gounod in der Partitur verankert hat, und genau deswegen macht diese Aufnahme auch so viel Vergnügen.

Matthias Käther, kulturradio

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