Anton Rubinstein: Moses © Warner
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CD-Kritik - Anton Rubinstein: "Moses"

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So unterschiedliche Komponisten wie Händel, Rossini und Schönberg haben sich für Moses interessiert. Doch ein Name fällt selten: Anton Rubinstein. Beim Label Warner ist nun dessen große Moses-Oper erschienen, in einer polnischen Aufnahme unter Michail Jurowski.

Diese konzertante Aufführung in Warschau, die auf die CD kam, stammt von einem russisch-jüdischen Komponisten, war ein Werk für Prag und wurde in deutscher Sprache komponiert. Sehr international – und dass sich grade Polen, das sowohl von den Russen als auch von den Deutschen schlimmes erleiden musste, ein russisches Werk in deutscher Sprache vorstellt, ist von hoher Symbolkraft in dieser tendenziell düsteren Zeit.

Das war vor allem dem Dirigenten Michail Jurowski zu danken, der sich seit Jahren für dieses Projekt eingesetzt hat und diese bisher noch nie komplett aufgeführte monumentale Oper aus den 1890er Jahren aus der Taufe hob.

Selbst Gounod hätte gegähnt

Ganz klar ist nicht, warum das Werk 1892 am Deutschen Theater Prag nach der Kostümprobe abgesagt wurde. So kam es dann zwar noch zu einer konzertanten, stark gekürzten Version in Riga, aber eine wirkliche Opernpremiere hatte es nicht gegeben – und Rubinstein konnte sich nicht mehr dafür einsetzen, weil er kurz danach gestorben ist. Mein Verdacht: Bei der Kostümprobe haben sich alle angesehen, wie sie da so standen, in ihren Trachten, und gefragt: "Können wir das wirklich machen?" Und verneint.

Es ist eigentlich kein Werk für die Bühne. Es wirkt oratorisch, sowohl in szenischer wie kompositorischer Hinsicht und ist als Historienoper eher lächerlich. Niemand braucht in der Moderne einen Basshelden, der die 10 Gebote dröhnend ungekürzt in die Szene schreit, kommentiert vom Chor. Ich wette, dass sogar Gounod gegähnt hätte.  

Schöner Lärm

Auch heute wirkt das alles, besonders die letzten Bilder, wie eine eigentümliche Propagandarevue für alttestamentarischen Wahn. Man kann diese hehren holzschnittartigen Geschichten aus der Bibel charmant vertonen, wie Haydn. Man kann es als spannenden Opernkrimi erzählen, wie es Rossini gemacht hat. Man kann es aber auch zur lauten Moritat für großes Ensemble und Orchester aufblähen, in der alle Figuren, die nicht zu Moses gehören oder an ihn glauben, Vollidioten sind. Leider hat sich für diese Version Rubinstein entschieden. Gegen seinen unsympathischen Moses wirkt Rossinis Opernmoses wie eine konzilliante Lichtgestalt der Aufklärung.

Musikalisch ist es vor allem ein monumentales Werk, das sich Großes vornimmt und nicht immer das einlösen kann, was der Gestus verspricht. Eine riesige filmische Szenerie, ein Plot von der Geburt Moses bis hin zum Auszug aus Ägypten und dem Tanz ums Goldene Kalb, 20 Solisten, zwei große Chöre, mehr als drei Stunden Musik – viel schöner Lärm. Manchmal auch hässlicher.

Das ändert nichts daran, dass wir es hier mit einem sehr ungehobelten, im besten Sinne unangepassten Werk der Jahrhundertwende zu tun haben, das in gigantischen Ensembles und Chören zeigt, dass man damals ganz gut ohne Anleihen bei Verdi und Wagner auskommen konnte, ohne ein schlechter Komponist zu sein. Trotz manch dröger bis nerviger Passage gegen Ende ist das – vergisst man die reißerische Propaganda - durchaus eine Bereicherung auf dem CD-Markt

Gut besetzt

Dem Moses-Bass Stanislaw Kuflyuk ist zu danken. Er singt ein so unverständliches Deutsch, dass man Mosenthals abscheulichen Text kaum versteht. Das macht vieles erträglicher. (Was für ein Abstieg – dieser Autor hat einst den hinreißenden Text zu Nicolais "Lustigen Weibern" verfasst!). Gesangstechnisch wurde hier duerchgehend gut besetzt, hervorzuheben ist Tenor Torsten Kerl, der hier gleich zwei Rollen singen muss, die unterschiedlicher nicht sein könnten, den finsteren Pharao, und den lieben Gott persönlich, macht er ausgezeichnet, auch sonst gibt es unter den vielen Solisten kaum eine Fehlbesetzung.

Jurowski mit der Sinfonia Juventus trägt manchmal sehr, sehr dick auf, da grollt die Pauke und da donnern die Chöre, als wäre man in einem Sandalenfilm der 50er Jahre – aber vielleicht ist das bei dieser opulent instrumentierten Partitur auch angemessen, und bei so einer cineastischen Moses-Revue ist vielleicht ein kleines Zuviel besser als falsche Zurückhaltung.

Matthias Käther, kulturradio

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