Klingende Toleranz; Montage: rbb
Bild: querstand

Gesang - "Klingende Toleranz"

Bewertung:

Wie klingt Toleranz? Das lässt sich mit dieser CD-Produktion auf anregende Weise herausfinden, denn dahinter steckt eine sehr interessante Geschichte.

Es handelt sich um die Rekonstruktion eines Konzerts das im Jahr 1926 in der großen Synagoge in Leipzig stattgefunden hat. Die Leipziger Synagoge war liberal geprägt, und den Organisatoren dieses Konzertes kam es darauf an, auch und gerade Nicht-Juden in das Bauwerk zu locken. Es war ja eine der größten Synagogen im Deutschen Reich, die leider – wie so viele Synagogen – dann später, in der Pogromnacht 1938, zerstört wurde.

Initiiert hat dieses Konzert der damalige Leiter des Chors der Synagoge, Barnet Licht. Er war vielfach vernetzt im Leipziger Musikleben, hatte auch Beziehungen zum Thomanerchor und konnte auch immer wieder Thomaner als Aushilfe engagieren.

Enorm hohes Niveau

Zu hören sind zwei hervorragende semiprofessionelle Chöre: der Leipziger Synagogalchor und der Kammerchor Josquin des Préz mit ihrem Leiter Ludwig Böhme. Er hatte auch die Idee, dieses Konzert wieder aufleben zu lassen.

Der Leipziger Synagogalchor hat eine inzwischen 56-jährige Tradition, 1962 wurde er gegründet vom Berliner Oberkantor Werner Sander. Es war das einzige Ensemble seiner Art in der DDR. Heute hat er übrigens keine jüdischen Mitglieder, sondern Christen oder Konfessionslose, die aber dieses spezielle Repertoire lieben und pflegen. Regelmäßig ist man auch zu Gast in Berlin beim Louis-Lewandowski-Festival.

Der Kammerchor Josquin des Préz ist in den letzten Jahren unter Ludwig Böhmes Leitung in die erste Liga gerückt. Im Frühjahr hat er beim Deutschen Chorwettbewerb in Freiburg die höchste Punktzahl erreicht, die ein Laienchor erreichen kann. Dass beide Chöre, auch der Synagogalchor, ein enorm hohes Niveau haben, liegt also vor allem an Chorleiter Ludwig Böhme.

Werke jüdischer und christlicher Komponisten

Das Konzertprogramm von 1926 ist eine dramaturgisch sehr spannende Mischung von Werken jüdischer und christlicher Komponisten, die der Initiator Barnet Licht verantwortet hat: Ausschnitte aus dem Oratorium "Deborah" von Händel und aus dem "Paulus" von Felix Mendelssohn Bartholdy. Dazu gehört aber eben auch Sakralmusik der Synagoge, nicht nur von Louis Lewandowski, sondern auch vom ersten bekannteren jüdischen Komponisten, dem Venezianer Salomone Rossi, also aus der Zeit des Barock.

Die Atmosphäre von 1926

Die Abfolge der Werke war sogar im Mitteilungsblatt der jüdischen Gemeinde Leipzig abgedruckt. Ludwig Böhme hat daraufhin in diversen Archiven die Noten zusammengesucht, zum Teil in Ausgaben der Zwanzigerjahre. Als alles beisammen war, stellte sich natürlich die Frage nach einem passenden Raum für die CD-Aufnahme, denn die Leipziger Große Synagoge wurde ja wie eingangs erwähnt zerstört.

Gefunden hat man die in Leipzig beste Möglichkeit, nämlich die Leipziger Thomaskirche, die auch etwa 1500 Sitzplätze hat und ebenfalls eine große romantische Orgel besitzt, wie sie auch in der Synagoge stand. Ich denke, man kommt der Atmosphäre von 1926 schon ziemlich nahe.

Claus Fischer, kulturradio

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