Cover: Bohuslav Martinu: What men live by
Bild: Supraphon

Oper - Bohuslav Martinů: "What Men Live By"

Bewertung:

Bohuslav Martinů ist ein Komponist der Moderne, dessen Opern in letzter Zeit weltweit wiederentdeckt werden. Dies ist die Ersteinspielung eines Einakters mit dem Titel "What Men Live By" aus dem Jahr 1952.

Erstaunlich, wie viele große Opernkomponisten das kleine Land Tschechien hervorgebracht hat: Smetana, Dvořák, Janáček ... Und man kann inzwischen auch Bohuslav 
Martinů dazurechnen, ein Komponist der Moderne, dessen Opern in letzter Zeit weltweit wiederentdeckt werden. Nun liegt die Ersteinspielung eines Einakters mit dem Titel "What Men Live By" aus dem Jahr 1952 vor.

Eine Menge Kleinkram zu erledigen bevor Jesus kommt

Der englische Titel ist der Originaltitel. Ursprünglich hat Martinů diese religiöse Parabel zwar für Tschechien geplant, um ein zweites Stück zu haben, das er an seine Mini-Erfolgsoper "Kömödie auf der Brücke"  koppeln konnte. Dann ergab sich ein Angebot aus den USA, und da hatte das Werk dann auch Premiere, zunächst mit Klavierbegleitung, später dann in Orchesterfassung. Diese Version ist hier auch zu hören, in der Sprache der Premiere, also in Englisch.

Zugrunde liegt eine Erzählung von Tolstoi – verwirrenderweise nicht die, die der Titel suggeriert, sondern "Wo die Liebe ist, das ist auch Gott". Es geht um einen alten armen Schuster, der depressiv ist und die Bibel für sich entdeckt. Das baut ihn wieder auf, und als er dann glaubt, Jesus rufe ihm zu, er komme ihn am nächsten Tag besuchen, freut er sich wahnsinnig auf die Begegnung, muss aber noch eine Menge Kleinkram erledigen: einer Frau mit einem Kind helfen und ein Jungen, der einen Apfel gestohlen hat, beschützen. Aber Jesus kommt nicht! Bis ihm in einer Vision gesagt wird, dass Jesus in den Menschen da war, denen er geholfen hat.

Wie ein schüchternes Kind zwischen übergroßen Eltern

Das klingt zunächst frömmelnd nach Häkelzirkel-Mysterienspiel bei Pfarrers im Garten. Und die Zeit der großen christlichen Mystik-Opern war 1952 auch eindeutig abgelaufen, schon letzte Ausläufer wie Korngolds "Wunder der Heliane" wurden von der Elite als hoffnungslos rückwärtsgewandt belächelt – trotz der schönen Musik.

Doch die Parabel von Tolstoi berührt auch durch das grauenhaft deklamatorische Libretto des Komponisten, gegen das der Text zu Mendelssohns "Elias" wirkt wie konzilianter Noel Coward. Kein großer Wurf. Die Musik ist wesentlich besser, wird aber durch den deklamatorischen kantatenhaften Prosa-Stil etwas verdunkelt. Um es wirklich nett zu sagen.                      

Vielleicht ist mir etwas beim Hören entgangen, aber – Hand aufs Herz – ich kann die Euphorie nach der konzertanten Aufführung von 2014 nicht nachvollziehen, die der CD zugrundeliegt – sie erhielt sogar den renommierten Preis "The International Opera Awards" als "Wiederentdeckung des Jahres".

An der Interpretation selbst ist nichts auszusetzen. Alle Sänger sind mit Leidenschaft dabei und streichen den lyrisch-volkstümlichen Charakter des Stückes heraus, ganz wie der Komponist es wollte. Aber dieses Werk steht zwangsläufig im Kontext berühmter Schul- und Kammeropern des 20. Jahrhunderts, ist damit eingeklemmtzwischen religiösen Meisterstücken wie "Der Weg der Verheißung" von Kurt Weill (1937) und "Noahs Flut" von Britten (1958). Dort platziert, wirkt es wie ein schüchternes Kind zwischen übergroßen Eltern.

Der emotionale Funke will bei mir nicht überspringen. Aber ich gestehe, das ist natürlich auch immer Geschmackssache. Mag sein, dass andere dahinschmelzen. Bei mir blieb jedenfalls jedes Auge trocken, und es wird wohl kein alt-testamentarischer Blitz auf mich herniederfahren, wenn ich die These aufstelle, dass bei der religiösen Schluss-Apotheose Weill oder Britten mehr eingefallen wäre.

Glücklicherweise ist noch mehr zu hören auf der CD

Glücklicherweise ist noch mehr zu hören auf der CD. Nämlich Martinůs erste Sinfonie, ein Werk der Reife, sehr geprägt von der Spannung zwischen Moderne und Tradition und auch der Vermischung amerikanischer und tschechischer Elemente. Und diese Aufnahme von 2016 ist auch deshalb etwas besonderes, weil sie zu den allerletzten des Dirigenten Jiří Bělohlávek gehört. Sie ist so etwas wie sein musikalisches Testament. Wer Musik der tschechichen Moderne mag und mit der Kurzoper nicht ganz glücklich ist, kommt bei der wirklich originellen und grandios musizierten 1. Sinfonie dann doch noch ganz auf seine Kosten. Für die Oper drei K's, für die Sinfonie fünf – macht vier.

Matthias Käther, kulturradio

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