CD Cover: Léon Berben spielt Cabezón
Bild: aeolus

Orgel - "Tientos, differencias y glosadas"

Bewertung:

Der niederländische Organist Léon Berben spielt Musik des spanischen Komponisten Antonio de Cabezón an einer gotischen Orgel (!), also an einem Instrument aus dem späten Mittelalter. 

Nun noch drei Kirchenorgeln aus gotischer Zeit gibt es in Deutschland, zu finden in Kiedrich im Rheingau, in Rysum in Ostfriesland und in Ostönnen, heute ein Stadtteil von Soest in Nordrhein-Westfalen. Die Orgel der St. Andreaskirche in Ostönnen hat von diesen drei genannten Instrumenten noch das meiste Material aus gotischer Zeit! rund 50 Prozent der Pfeifen und der Mechanik sind aus dem 15. Jahrhundert.

Und noch ein Superlativ: Diese Pfeifen sind die ältesten noch funktionsfähigen weltweit! Wer sie gegossen hat - also wer diese Orgel erbaut hat - weiß man nicht, die Genese liegt völlig im Dunkel der Geschichte.

Er revolutionierte die Tastenmusik seines Landes

Antonio de Cabzón wurde in der spanischen Provinz, in Kastilien geboren und war seit seiner Kindheit blind. Das wird in mehreren schriftlichen Zeugnissen immer mit Erstaunen hervorgehoben. Er war nämlich so gut auf der Orgel, dass er es bis zum Hoforganisten von Kaiser Karl V gebracht hat, der in dessen Reich bekanntlich die Sonne nicht unterging. Auch unter Karls Nachfolger Philipp II blieb er in der Hofkapelle. Und dabei unternahm er zwei ausgedehnte Reisen durch Europa und lernte dabei die italienische, die flämische, französische und deutsche Tastenmusik dieser Zeit kennen. Und so revolutionierte er die seines Landes, die noch nicht so weit entwickelt war, kultivierte z.B die freie Form des "Tientos". In seinen "Differencias" variiert er Volkslieder oder auch bei Hofe beliebte Tänze der Zeit - ein Spiegel der Charts von etwa 1550.

Ein Interpret, der in der Musik dieser Zeit zuhause ist

Wenn man allerdings nur die Noten spielt, die auf dem Papier stehen, dann kommt langweilige Musik heraus. Deshalb braucht es einen Interpreten wie Léon Berben, der in der Musik dieser Zeit zuhause ist.

Man kann davon ausgehen, dass Antonio de Cabezón, gerade auch aufgrund seiner Blindheit nur das Nötigste eines Stücks hat aufschreiben lassen. Die Noten waren also eine Art Grundlage zur Improvisation - die Verzierungen, die damals üblich waren und die Visitenkarte eines guten Organisten waren, stehen eben nicht in den Noten.

Aber Léon Berben ist seit über zwanzig Jahren in dieser Musik zuhause, das hat er auch mehrfach als Gast beim Kulturradio unter Beweis gestellt, bei Konzerten im Rahmen des "Brandenburger Orgelmonats". Er weiß ganz genau, wie man "Pfeffer" in diese Werke hineinbringt, sprich jene Virtuosität, die Antonio de Cabezon damals, wenn er "live" gespielt hat. sicher gehabt hat! Und dadurch wird diese Musik unglaublich frisch und lebendig!

Absolutes Fingerspitzengefühl

Die Orgel der Gotik kannte lange keine Auffächerung der Klangfarben in Register. Diese Instrumente waren so genannte "Blockwerke". Erst im Laufe der Frührenaissance kam dann allmählich die Auffächerung in unterschiedliche Klangfarben, die man mischen konnte. Die Orgel in Ostönnen hat heute rund 10 Register, kann aber auch als Blockwerk gespielt werden. Und auch hier beweist Léon Berben absolutes Fingerspitzengefühl. Er spielt jedes der Stücke in einer einheitlichen Registrierung, wie man es damals sicher gemacht hat, also es wird innerhalb eines Tientos oder einer Differencia kein Register zu- oder weggeschaltet, denn das kam erst später. Dennoch sind die Höreindrücke spannend, denn Leon Berben findet wirklich für jedes Stück ein absolut passendes Klanggewand - einfach großartig! 

Claus Fischer, kulturradio

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