Anton Bruckner: Sinfonie Nr. 6 © Linn
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Orchester - Anton Bruckner: Sinfonie Nr. 6

Bewertung:

Robin Ticciati ist als Chefdirigent des DSO so erfolgreich, dass er in seiner erst zweiten Saison in Berlin jetzt bereits seine dritte CD mit dem DSO veröffentlicht hat. Die könnte Auftakt zu einem Zyklus werden. Ein guter Auftakt?

Gerade erst in der zweiten Saison als Chefdirigent des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin, veröffentlicht Robin Ticciati hier schon seine dritte CD mit dem Orchester. Ob’s ein Bruckner-Zyklus werden soll, wer weiß? Jedenfalls ist die Sechste klug gewählt, denn diese ist jenes (mittlere) Werk, um das viele Bruckner-Granden (wie Furtwängler oder Knappertsbusch) einen Bogen machten und das auch dem letzten amtierenden Bruckner-Klassiker, Günter Wand, mit den Berliner Philharmonikern nicht mehr aufzunehmen gelang.

Kein so neuer Höreindruck

Die Muskeln des Orchesters klingen wunderbar durchmassiert und entspannt. Das Ganze federt, wirkt locker und rund und überhaupt nicht granithaft oder verkantet. – Nun kommt uns dies freilich nicht ganz unbekannt vor. Schon Claudio Abbado oder auch der heute wohl bedeutendste Bruckner-Dirigent der Gegenwart, Herbert Blomstedt, versuchten dem großen Monolithen der Spätromantik ein bisschen schubertsche Flexibilität beizubringen. Der Apparat bleibt dabei unvermindert massiv. Dies zieht dem eigenen Ziel Grenzen. Und bleibt der Grund dafür, dass sich kein so neuer Höreindruck einstellt, wie man dies vielleicht erhofft hatte – und im Anschluss an den kürzlich, teilweise spektakulären Brahms-Zyklus Ticciatis in der Philharmonie vielleicht auch erwarten durfte.

Zu viel Bruckner?

Ticciatis Stärken, so scheint es, bestehen ganz eindeutig in einem warm durchpulsten, durchsichtig erfüllten und kammermusikalischen Ton – den er im radikalen Sinne hier entweder nicht brauchen kann, oder aber der so neu bei Bruckner nicht ist. Gewiss sieht sich Ticciati hier auch mit der unliebsamen Rechnung jahrzehntelanger Bruckner-Überinterpretation konfrontiert: Dass nämlich bei weitem zu viel Bruckner aufgeführt wird, und alle Bruckner-Aufführungen gleich klingen! Das mag polemisch erscheinen, ist aber ganz ernst gemeint. So schön die Aufnahme auch ist: ein echter Neuaufbruch für einen noch kammermusikalischeren, tänzerischen Bruckner geht von ihr, wie mir scheint, noch nicht aus.

Kai Luehrs-Kaiser, kulturradio

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