Tamara Stefanovich: Influences © Pentatone
Bild: Pentatone

Klavier - "Influences"

Bewertung:
Auf ihrem Label-Debüt bei Pentatone präsentiert die Pianistin Tamara Stefanovich eine originelle Auswahl selten zu hörender Werke – und das gut durchdacht und musikalisch auf höchstem Niveau.

Tamara Stefanovich kennt man hierzulande vor allem als Duopartnerin ihres ehemaligen Lehrers und inzwischen Ehemannes Pierre-Laurent Aimard. Ihr Schwerpunkt liegt auf Musik des 20. Jahrhunderts. Vor einiger Zeit haben beide beim Musikfest Berlin das Gesamtwerk für Klavier von Pierre Boulez aufgeführt.

Der Titel ihrer neuen CD, "Influences", hat eine doppelte Bedeutung. Zum einen präsentiert sie Musik von Komponisten, die sie bereits seit langem beeinflussen. Zum anderen sind hier vier Werke versammelt, in denen die jeweiligen Komponisten Einflüsse anderer Länder, Kulturen, Stile etc. aufgegriffen haben. So hat sich Johann Sebastian Bach immer auch für die Musik aus Italien interessiert, auch Konzerte u. a. von Vivaldi für das Cembalo bearbeitet.

Farbigkeit und Struktur

Vor allem in Bachs wenig bekannter "Aria variata alla maniera italiana" stellt Tamara Stefanovich ihre pianistische Meisterschaft unter Beweis. Sie nähert sich dieser Musik wie unter dem Mikroskop: mit glasklarem Anschlag. Da ist jeder Ton blankgeputzt, jede Verzierung hat ihr eigenes Gesicht, mal ein Augenzwinkern, mal ein Seufzer. Wenn sie dieses eigentlich für das Cembalo komponierte Werk auf dem modernen Konzertflügel spielt, übernimmt sie die Farbigkeit des Cembalos, ohne jedoch in falsche Romantik zu verfallen. Die Struktur ist das wesentliche Gestaltungsmittel. Intensität und Kühle – diese Kombination bekommt der Musik hervorragend.

Béla Bartóks Improvisationen über ungarische Bauernlieder sind eines der radikalsten Klavierwerke des Komponisten. Bartók versieht die Originale nicht mit einer gefälligen Begleitung, sondern formt ein mit unzähligen Facetten von Dissonanzen spielendes eigenständiges Stück. Tamara Stefanovich gelingt ein beeindruckender Kontrastreichtum: in den ruhigen Stellen wie ein impressionistisches Gemälde, in den rhythmisch prägnanteren Passagen eine niemals zu brutale Kantigkeit.

Zauberkammer

Tamara Stefanovich begreift das Klavier nicht als ein Schlaginstrument, wo die Hämmer an die Saiten geschleudert werden, sondern als ein Orchester – eine Zauberkammer mit unzähligen Farben, die sie klug auswählt und mischt. Das gelingt ihr bei jedem Werk auf eine beglückend individuelle Weise. In "Cantéyodjayâ" von Olivier Messiaen kombiniert die Pianistin die komplexen Rhythmen auf der Basis hinduistischer Vorlagen mit den Registern des Klaviers.

Konzeptalbum und Visitenkarte

Sicher ist das ein Konzeptalbum. Man hätte zum Thema "Einflüsse" auch mühelos andere Werke finden können, die dieses Kriterium ebenso überzeugend erfüllt hätten. Und natürlich hat man sich auch darüber Gedanken gemacht, wie man dieses CD-Debüt von Tamara Stefanovich beim Label Pentatone auf den Markt bringt. Da sind besondere Ideen, Geschichten und Konzepte immer von Vorteil.

Dennoch merkt man, wie nahe der Pianistin alle vier Werke dieser CD sind. Sie präsentiert sich darin als Interpretin von hohem intellektuellem Anspruch, die alles bis in kleinste ausgetüftelt hat, aber darüber nicht vergisst, dass Musik eine emotionale Kunst ist. Sie hat damit eine überzeugende Visitenkarte abgegeben als eine Gestalterin, die abseits des üblichen Klavierrepertoires mit Musik überzeugen kann, die – auf diesem hohen Niveau gespielt – im Gedächtnis bleibt.

Andreas Göbel, kulturradio

Weitere Rezensionen

Max Reger: Piano Concerto - Live Recording
Avi

Klavier - Max Reger: Klavierkonzert

Nur selten findet man das Klavierkonzert von Max Reger auf den Konzertprogrammen. Solist und Orchester brauchen dafür aber auch enorme Fähigkeiten, wie diese Neueinspielung eindrucksvoll zeigt.

Bewertung: