Der Bücherdieb © Reprodukt
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Comic - Alessandro Tota, Pierre van Hove: "Der Bücherdieb"

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Gedichte klauen, Bücher klauen – Allessandro Tota nimmt mit dem “Bücherdieb” die Abgründe eines Bücherliebhabers aufs Korn

Nein, Daniel Brodin ist alles andere als ein Strahlemann: allein der devote Blick verrät seine ewigen Selbstzweifel – noch dazu rinnen ihm immer wieder dicke Schweißtropfen über sein Gesicht. Als Hochstapler scheint er also überhaupt nicht geeignet. Allerdings treibt ihn sein Wunsch nach Anerkennung an - so sehr, dass er doch zu einem Hochstapler wird.

Er möchte dazu gehören, zum literarisch-intellektuellen Zirkel im Paris der 50er Jahre. Bei einem Dichterwettstreit meldet er sich deshalb zu Wort – ohne rechten Plan, was er eigentlich vortragen will. Ein eigenes Gedicht? Oder lieber doch nicht? Daniel Brodin wird ein unbekanntes italienisches Gedicht aus dem Stegreif übersetzen. Die literarische Welt liegt ihm dafür zu Füßen.

Alessandro Tota, Pierre van Hove: Der Bücherdieb © Reprodukt
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In die Sache mit der Provokation reingerutscht

Im Zeitalter digitaler Plagiate, die durch schnödes “Kopieren und Einfügen” begangen werden, kommt Brodins geistiger Diebstahl altertümlich sinnlich daher. Zugleich hat Allessandro Tota mit dem Bücherdieb auch eine aktuelle Satire auf die Moden, Sensationen und Eitelkeiten des Literaturbetriebs geschrieben.

Da ist zum Beispiel Miguel, der sich Ruhm erhofft, weil er das Talent des Daniel Brodin entdeckt hat und fördert. Das tut er nicht vorrangig wegen der respektablen Verse, sondern weil Daniel genau die richtige Mischung von gefälliger Dichtung und provokantem Habitus an den Tag legt, die sich gut vermarkten lässt. In die Sache mit der Provokation ist Daniel übrigens auch nur  so reingerutscht. Zufällig hat er ein paar radikale Schriftsteller aus der Gruppe der Lettristen getroffen, die gediegene literarische Salons mit unflätigen Provokationen sprengen.

Alessandro Tota, Pierre van Hove: Der Bücherdieb © Reprodukt
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Paris in den 50er Jahren

Mit einfachen schwarzen Strichen zeichnet der Illustrator Pierre van Hove die unterschiedlichen Künstlertypen so ausdrucksstark, dass der Comic auch ein Portrait der Literaturszene vom Paris der 50er Jahre ist. Und es ist ein Vergnügen, die Verwandlung des unauffällig nervösen Daniel in einen Szenestar zu beobachten. Der fühlt sich in den verrauchten Literaten-Kneipen genauso zuhause wie in den bürgerlichen Salons – und wird dabei immer blasierter.

Der Bücherdieb – Studien

Großartige Satire auf den Literaturbetrieb

Ein Herr bereitet ihm allerdings Unbehagen. Der hatte gleich am Anfang schon das Plagiat bemerkt. Warum bloß hat er ihn nicht verpfiffen? Weil er es amüsanter findet, kleine Schlawiner laufen zu lassen und ihnen später bei deren Untergang zuzusehen. Das erzählt er Daniel bei einem Empfang im angesehenen Verlagshaus Gallimard.

Gedichte klauen, Bücher klauen - Daniel wird bei allem was er tut tatsächlich scheitern. Als er das erste Mal ein eigenes Gedicht vorträgt, ist das Fiasko total. Das ist wunderbar komisch. Allessandro Tota nimmt mit dem “Bücherdieb” die Abgründe eines Bücherliebhabers aufs Korn – und hat zugleich eine großartige Satire auf den Literaturbetrieb geschrieben.

Andrea Heinze, kulturradio