Cover des Comics: "Ein kleiner Schritt"
Bild: Jaja Verlag

Comic - Joachim Brandenberg: Ein kleiner Schritt für die Menschheit

Bewertung:

50 Jahre ist es her, dass die ersten Menschen mit der "Apollo" auf dem Mond landeten. Joachim Brandenberg schildert in seiner neuen Graphic Novel einen fiktiven ersten Versuch im Mittelalter, zum Mond zu reisen - der natürlich, man ahnt es bereits, krachend scheitern muss.

Joachim Brandenberg: Ein kleiner Schritt für die Menschheit; hier: in der Wüste Gobi; © Jaja Verlag
Bild: Jaja Verlag

Drei Wissenschaftler aus dem Venedig des 14. Jahrhunderts haben eine bestechende Theorie: Der Mond geht jeden Abend im Osten auf, deshalb wollen sie nach Osten bis zu der Stelle laufen, wo der Mond hinter der Erde auftaucht und da einfach auf den Mond steigen. Der Weg führt durch Moldawien und über die Wolga und das Altai Gebirge bis weit in die Wüste Gobi hinein.

Kostüme wie von Rembrandt

All das hat Joachim Brandenberg mit einer ungeheuren Liebe für Details und Strukturen gezeichnet. Die Kostüme könnten von Rembrandt-Gemälden entliehen sein, die dichten Fichtenwälder Moldawiens scheinen ein Eigenleben zu führen, weil Brandenberg die einzelnen Äste und die Rinde der Bäume ganz zauberhaft im Mondlicht glänzen lässt. Und das Altai Gebirge wirkt, als hätte er alte Farbfotos davon abgezeichnet. Viele Bilder sind so schön und über die ganze Seite gezeichnet, dass sie auch für sich stehen können.

Bildausschnitt Comic: "Ein kleiner Schritt"
Bild: Jaja Verlag

Der Mond bleibt unnahbar

Die Geschichte von der mittelalterlichen Mondmission ist reine Fiktion. Joachim Brandenberg untersucht damit in einer Art Versuchsanordnung, wie man in einer Welt, in der nicht alle Informationen zugänglich sind, zwischen richtig und falsch unterscheidet. Er zeigt, wie die drei voller Enthusiasmus losziehen. Wie klar wird, dass sie doch nicht so recht gerüstet sind für die Reise – zum Beispiel gar nicht genau wissen, wie der Sextant benutzt wird.

Und irgendwann, als sie schon viel zu lange nach Osten gewandert sind und der Mond immer noch unnahbar weit weg wirkt, da werden sie mürbe und einer der Wissenschaftler glaubt plötzlich, dass sie wirklich schon auf dem Mond sind. Bis dahin ist alles in gedeckten Farbtönen gezeichnet. Als aber der Wissenschaftler ins Delirium fällt und glaubt, er sei auf dem Mond – da erscheinen plötzlich ein Regenbogen und pinkfarbene Mondmännchen, die an eine schrillbunt gedeckte Tafel einladen. Brandenberg lässt sich wirklich einiges einfallen – und macht auch dadurch klar, wie absurd diese Mondphantasie ist.

Warum Menschen an Fake News glauben

Der Wissenschaftler im Delirium ist sehr überzeugend. Und will zurückgehen und allen die frohe Kunde von der Mondbesteigung erzählen. Die anderen stehen vor der Frage: Glauben sie dem, der da so überzeugend ist? Oder gehen sie einfach so mit ihm zurück und behaupten, dass sie auf dem Mond waren, weil eine Niederlage ja so unangenehm ist?

Hier werden möglicherweise Fake News produziert. Das geht auch deshalb so gut, weil die Wissenschaftler so eine einfache Theorie haben, die jeder verstehen konnte und deshalb jeder glaubt: Der Mond geht im Osten auf, also kann man dort aufsteigen. Joachim Brandenberg spitzt den Konflikt zu, indem er am Anfang des Buchs zeigt, wie Marco Polo vor Gericht steht, weil seine ausgefeilten Reiseberichte aus dem Nahen Osten so phantastisch wirken, dass er im Verdacht steht, Forschungsgelder veruntreut zu haben.

Eine doppelbödige Parabel über Wahrheit und Wirklichkeit

Der Mond führt indessen ein Eigenleben und ist mit dem Treiben auf der Erde gar nicht einverstanden. Von all dem Entdeckerdrang bekommt er Alpträume – er will schließlich unerreicht bleiben. Aus heutiger Sicht ist das ein herrlich phantastischer Erzählstrang. Aber wer weiß, vielleicht wird sich irgendwann heraus stellen, dass der Mond wirklich eine Seele hat. Der Comic "Ein kleiner Schritt für die Menschheit" ist eine wunderbar doppelbödige Parabel über die Welt und wie man sie wahrnehmen kann. Darüber, wie der Glaube sehr viel Energie freisetzen kann - und wie er eben auch in die Irre führen kann. Und es ist eine Parabel darüber, wie schwer es ist, im richtigen Moment von einer falschen Überzeugung Abstand zu nehmen.

Andrea Heinze, kulturradio

Ein kleiner Schritt für die Menschheit - Exklusives Material