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Spannung - "Aus dem Nichts" von Fatih Akin

Bewertung:

"Aus dem Nichts" ist mit dem deutschen Hollywoodstar Diane Kruger prominent besetzt, feierte seine Weltpremiere im Frühjahr auf dem Festival in Cannes und wird Deutschland im nächsten Jahr bei den Oscars vertreten.

Kurz zur Erinnerung: Zwischen Herbst 2000 bis April 2006 wurden neun zumeist türkische Kleinunternehmer in deutschen Großstädten vom Nationalsozialistische Untergrund (NSU)ermordet. Zum noch größeren Skandal wurde die Mordserie, weil die Ermittler vor allem im Umfeld der Opfer nach den Tätern suchten. Zwei der mutmaßlichen Täter haben kurz vor ihrer Verhaftung Selbstmord begangen, Beate Zschäpe hat sich gestellt, seit März  2013 läuft der Prozess gegen sie. Nachdem es bereits eine Spielfilm-Trilogie gab, in der drei verschiedene Regisseure die Ereignisse aus der Perspektive der Täter, der Opfer und der Ermittler beleuchteten, hat der türkisch deutsche Regisseur Fatih Akin den Stoff jetzt in einem Thriller fiktionalisiert: "Aus dem Nichts" ist mit dem deutschen Hollywoodstar Diane Kruger prominent besetzt, feierte seine Weltpremiere im Frühjahr auf dem Festival in Cannes und wird Deutschland im nächsten Jahr bei den Oscars vertreten.

Eine Fiktion, angelehnt an die NSU-Morde

Schauplatz ist Hamburg, Akins Heimatstadt, in der schon viele seiner Filme gespielt haben. Am Anfang wird Hochzeit gefeiert, zwischen der sehr blonden und sehr hellhäutigen Katja (Diane Kruger) und dem sehr südländisch aussehenden Kurden Nuri. Nach einem großen Zeitsprung bringt Katja den gemeinsamen, fünfjährigen Sohn zu ihrem Mann, in sein Büro für Übersetzungen und Steuerberatung. Als sie Stunden später zurückkehrt, um die beiden abzuholen, ist die Straße abgesperrt, ihr Mann und ihr Sohn sind in der Explosion einer Nagelbombe umgekommen. Wie im Zusammenhang mit den NSU-Morden, konzentriert die Polizei ihre Ermittlungen auf das Umfeld der Opfer, mit Hausdurchsuchungen, Verhören, Unterstellungen. Katjas Zeugenaussagen deuten auf ein junges Neonazipärchen, als die Polizei ihre Aussagen anzweifelt, beginnt sie eigene Ermittlungen anzustellen.

"Aus dem Nichts"; © bombero int./WarnerBros
"Aus dem Nichts"; © bombero int./Warner Bros. | Bild: Warner Bros.

Nuancenreiches Spiel

Während die erste Hälfte Katjas emotionale Erschütterungen in einer seismografisch unruhigen Handkamera ganz unmittelbar aufnimmt, wird die sehr viel ruhigere, statischere Kamera im Gerichtsdrama des zweiten Teils zur Verkörperung eines starren, unbeweglichen und befangenen Rechtsystems. Katja wird von Diane Kruger gespielt, die hier im Unterschied zu ihren Glamour-Rollen in amerikanischen Filmen wie "Troja" oder "Inglorious Basterds" sehr viel roher und brüchiger spielt, in allen Nuancen von Trauer und Wut und Hilflosigkeit.

"Aus dem Nichts"; ©bombero int./Warner Bros
"Aus dem Nichts"; © bombero int./Warner Bros. | Bild: Warner Bros.

Arge Zuspitzungen und Verzerrungen kaum vermeidbar

Fatih Akin verdichtet eine Mordserie, die sich über sieben Jahre hinweg zog und einen Prozess, der seit vier Jahren läuft zu einem fiktiven Thriller von 106 Minuten, dabei ist kaum zu vermeiden, dass manche Aspekte arg zugespitzt oder auch verzerrt werden. So wirkt etwa der Staatsanwalt in den Gerichtsszenen wie die Karikatur eines kläffenden Kampfhundes, und manche Kritiker warfen Akin auch einen zu leichtfertigen Umgang mit dem Motiv der Lynchjustiz vor. Doch als in Deutschland aufgewachsener Türke reagiert der Filmregisseur Akin sensibel auf die Reibungen zwischen den beiden Kulturen. "Aus dem Nichts" ist ein berührender, leidenschaftlicher und wütender Film, der auch ein Beitrag zur Debatte um die NSU-Morde ist, deren Gift in alle Bereichen der deutschen Gesellschaft wirkt.

Anke Sterneborg, kulturradio

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