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Doku-Fiktion - "Der Mann aus dem Eis"

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"Der Mann aus dem Eis" ist ein mutiger und im wahrsten Sinne des Wortes eindrücklicher Film, der von großartigen Bilder und schauspielerischen Kraftakten lebt. Ein Wagnis sicherlich, aber ein Wagnis, das geglückt ist.

Gut 25 Jahre ist es her, da stießen zwei deutsche Bergwanderer in Südtirol auf die Leiche eines Mannes aus der Kupferzeit. Der "Ötzi" – so genannt aufgrund seines Fundorts in den Ötztaler Alpen – wurde zu einer archäologischen Sensation. Obwohl die Leiche mehr als 5000 Jahre lang im Schnee gelegen hatte, war sie bestens konserviert – und so ließen sich noch ziemlich konkrete Aussagen treffen über den Mann und seine Lebensumstände. Er war innerhalb seiner Gemeinschaft eine höhergestellte Persönlichkeit, vermutlich eine Art Schamane, und er starb eines gewaltsamen Todes.

Fakten & Fantasie

Seitdem ist der "Ötzi" der Star das Südtiroler Archäologiemuseum in Bozen. Er zieht jedes Jahr zehntausende Besucher an – und er kommt jetzt auch ins Kino. "Der Mann aus dem Eis" – so hat Regisseur Felix Randau seinen Film genannt – ist eine Art Doku-Fiktion, die versucht, mit Hilfe von Wissenschaftlern und Archäologen möglichst genau die Lebensumstände in den Ötztaler Alpen zu dieser Zeit zu rekonstruieren. Dabei hat Randau aus einigen bekannten Fakten und viel Fantasie die Geschichte einer Verfolgungsjagd auf Leben und Tod gestrickt.

"Der Mann aus dem Eis"; © Port Au Prince Pictures, Martin Rattini
Gosar (Martin Augustin Schneider), Tasar (Sabin Tambrea) und Krant (André M. Hennicke) hinterlassen einen Ort der Verwüstung © Port Au Prince Pictures, Martin Rattini

Gewalt & Rache

Kelab (Jürgen Vogel) lebt mit seiner Familie in einer kleinen Siedlung in einem Alpental – von Ackerbau und Viehzucht. Eines Tages, als Kelab gerade auf der Jagd ist, kommen fremde Männer, angeführt vom grausamen Krant (André Hennicke) in das Dorf. Sie töten die Bewohner, auch Kelabs Frau (Susanne Wuest) und seinen Sohn, brennen alle Hütten nieder und stehlen den wichtigsten Kultgegenstand der Sippe, einen heiligen Stein in einer hölzernen Schatulle.

Als Kelab zurückkommt, bleibt ihm nur das Beerdigen der Toten – und der Wunsch nach Rache: Er macht sich auf die Suche nach den Tätern, lernt auf seiner Wanderung gute und schlechte Menschen kennen, erlebt die Urgewalt der Berge – und stellt Krant schließlich in einem dramatischen Showdown. Am Ende steht die Erkenntnis, dass man zwar Blut mit Blut vergelten kann, dass aber jede Form von Gewalt sofort wieder neue Gewalt verursacht und dass der Kern der Menschlichkeit dabei in Gefahr gerät.

"Der Mann aus dem Eis"; © Port Au Prince Pictures, Martin Rattini
Kelab (Jürgen Vogel) auf der Suche nach den Mördern seiner Familie; © Port au Prince Pictures, Martin Rattini | Bild: Port Au Prince Pictures, Martin Rattini

Wenig Sprache & laute Bilder

Eine Schlüsselrolle in diesem Film spielt Felix Randaus Entscheidung, auf sprachliche Kommunikation weitestgehend zu verzichten. Umso lauter sprechen die Bilder von Kameramann Jakub Bejnarowicz ("Feuchtgebiete") – und die Gestik und Mimik der Schauspieler: Jürgen Vogel kämpft sich mit großer Körperlichkeit durch das hochalpine Gelände – er rennt, klettert, leidet, stürzt auch mal in eine Gletscherspalte. Doch all diese Rückschläge und Enttäuschungen tragen nur dazu bei, seine Entschlossenheit noch zu verstärken. Kelab ist im Grunde eine klassische Westernfigur, ein Rache- Engel, der in seiner Mission durch nichts zu stoppen ist.

"Der Mann aus dem Eis" ist ein mutiger und im wahrsten Sinne des Wortes eindrücklicher Film, der von großartigen Bilder und schauspielerischen Kraftakten lebt. Ein Wagnis sicherlich, aber ein Wagnis, das geglückt ist.

Carsten Beyer, kulturradio

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