Der seidene Faden
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Drama - "Der seidene Faden"

Bewertung:

Ein Film von Liebesdrama bis Thriller in der Modeszene im London der 50er Jahre

Es kann schon mal passieren, dass man vier, fünf Jahre auf den neuen Film von Paul Thomas Anderson warten muss. Der Regisseur ist ein akribischer Tüftler, der sich mit jedem Film in eine andere Zeitepoche einarbeitet. Nach den Siebziger Jahren der "Boogie Nights", den Nachkriegsjahren von "The Master" und dem Ölrausch des frühen 20. Jahrhunderts in "There will be Blood" taucht er mit seinem neuen Film "Der seidene Faden" in die Londoner Modeszene der frühen Fünfziger Jahre ein.

Ein strenges Regiment

Im Zentrum steht der Modeschöpfer Reynolds Woodcock, der im London der 50er Jahre ein edles Modehaus leitet. Er führt ein unerbittlich strenges Regiment, in den heiligen Hallen seiner Werkstätten, aber auch in den Wohnräumen, wo schon das Geräusch beim Bestreichen eines Toasts am Frühstückstisch einer Kriegserklärung gleicht.

Kaum hat der Film diese Ruhe und Konzentration etabliert, wird sie auch schon gestört, und zwar durch junge, zauberhafte, aber auch sehr eigenwillige Kellnerin Alma. Reynolds entdeckt sie im Frühstücksraum einer Pension und macht sie schon bald zur Muse und zur Geliebten. Zwischen dem angegrauten älteren Herrn und der jungen Frau beginnt ein zähes Ringen um die Kräfteverhältnisse.

Der seidene Faden
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Feinste Texturen

Lose angelehnt ist der fiktive Couturier an den spanischen Modeschöpfer Cristobel Balenciaga. Im wesentlichen ist er jedoch eine Figur, die Regisseur und Star gemeinsam für Daniel Day Lewis maßgeschneidert haben, der für die akribische Vorbereitung der Rolle quasi eine Schneiderlehre absolviert hat.

Nach dem Goldgräber-Drama "There will be Blood" ist das die zweite Zusammenarbeit des Regisseurs mit Daniel Day Lewis. Den harschen Wechsel aus dem rauen wilden Westen in die englischen Salons meistert der einzige mit drei Oscars ausgezeichnete Schauspieler grandios.

Nachdem Daniel Day Lewis angekündigt hat, dass er seine Schauspielkarriere mit diesem Film abschließen will, könnte diese Rolle ein würdiger Abschluss sein, für den er zumindest schon eine Oscar Nominierung bekommen hat.

Im Grunde erzählen Regisseur und Schauspieler mit dieser Geschichte eines Hyperperfektionisten auch von ihrer eigenen Herangehensweise an ihren Beruf. Aus jeder Pore verströmt der Film rigorose Konzentration und Detailverliebtheit, als Zuschauer badet man in raschelnden Stoffen und feinsten Texturen von Spitze und Brokat, in erlesenen Farben und Lichtverhältnissen, spürt aber auch die atemraubende Enge wie ein Korsett.

Der seidene Faden
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Vicky Krieps überzeugt

Als Gegenspielerin des Großschauspielers Daniel Day Lewis überzeugt und bezaubert die bisher noch relativ unbekannte Luxemburgerin Vicky Krieps in ihrer ersten großen internationalen Rolle.

Auch hier spiegelt sich die Entstehungsgeschichte des Films in seiner Handlung, denn das Duell zwischen der nur scheinbar unbedarften Muse und dem großen Modeschöpfer entspricht dem Kräftemessen der Schauspieler.

Dabei geht es auch um die Selbstermächtigung einer Frau in einer restriktiven Zeit. Schleichend wandelt sich das Liebesmelodram dabei in einen faszinierend abgründigen Thriller im Stil von Alfred Hitchcock, mit konkreten Bezügen zu "Rebecca".

Anke Sterneborg, kulturradio

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