"Eldorado"; © Majestic/zero one film / Peter Indergand
Bild: Majestic/zero one film / Peter Indergand

68. Berlinale | Wettbewerb (außer Konkurrenz) - "Eldorado"

Bewertung:

Der neue Film des renommierten Schweizer Regisseurs Markus Imhoof feierte im Berlinale-Wettbewerb seine Premiere. Imhoof setzt sich in dem sehr persönlichen Dokumentarfilm mit dem Thema Flucht auseinander.  

Schiffbrüchige, die im Mittelmeer treiben, ein italienisches Marineschiff, das im Auftrag der EU- Mission "Mare Nostrum" afrikanische Boots-Flüchtlinge industriell "abfertigt" – und dann immer wieder Warten: Auf eine Entscheidung der Behörden, auf eine Möglichkeit zur Weiterreise nach Nordeuropa und schließlich – in vielen Fällen – auf die Abschiebung, die Rückkehr in das Land, aus dem man unter großen Mühen aufgebrochen ist.

Imaginäres Zwiegespräch

Flüchtlingsschicksale – gestern und heute: Das war bereits Thema in Christian Petzolds Anna-Seghers-Verfilmung "Transit". Auch der Schweizer Markus Imhoof ("Das Boot ist voll", Silberner Bär 1981) greift die historischen Parallelen nun wieder auf in "Eldorado", dem einzigen Dokumentarfilm im diesjährigen Wettbewerb.

Imhoofs Eltern hatten im Zweiten Weltkrieg ein Flüchtlingskind bei sich aufgenommen: "Giovanna", ein italienisches Mädchen, das für den jungen Markus zu einer Art Ersatz-Schwester wurde. Nach Ende des Krieges musste Giovanna zurück nach Italien und ist dort mit 14 Jahren an Hunger und Krankheit gestorben – eine Erfahrung, die Imhoof sein ganzes Leben beschäftigt hat.

Diese Geschichte zieht sich wie ein Kommentar durch seinen Film, als imaginäres Zwiegespräch zwischen dem Filmemacher und dem Mädchen, unterlegt mit alten Schwarzweiß-Fotos und Kinderzeichnungen.

"Eldorado"; © Majestic/zero one film / Peter Indergand
Bild: Majestic/zero one film / Peter Indergand

Nüchterne Darstellung

Nicht immer ist "Eldorado" derart berührend und intim. An anderen Stellen spürt man eine gewisse Distanz zwischen dem Filmemacher und seinen Protagonisten. Nüchtern zeigt er ein System, das zwar effektiv ist, aber nicht human – und schon gar nicht im Sinne der Flüchtlinge. "Die Flüchtlinge kommen nach Europa, weil sie ein Eldorado erwarten", sagte der Filmemacher in der Pressekonferenz nach dem Film, "doch sie finden stattdessen Onkel Tom’s Hütte".

Tatsächlich gehören die Bilder von den Schwarzarbeiter-Ghettos auf den italienischen Tomatenfeldern zu den Schockierendsten in diesem Film. Flüchtlinge, die keine Aufenthalts- und keine Arbeitserlaubnis haben, die aber auch nicht abgeschoben werden können, werden zu modernen Sklaven in den Fängen der Mafia. "Das ist hier kein Leben, das ist noch nicht mal ein Überleben", sagt einer der Betroffenen.

Etwas für alle

Mit Schuldzuweisungen hält "Eldorado" sich auffallend zurück – mit Absicht. Immer nur auf das System zu schimpfen oder auf die multinationalen Konzerne reiche nicht aus, ist auf der Pressekonferenz nach dem Film von vielen Beteiligten zu hören. Wenn wir die Situation der Menschen in Afrika wirklich verbessern wollen, sind wir alle gefragt – als Konsumenten, als Wähler und als Mitmenschen.

Carsten Beyer, kulturradio

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Im Wettbewerbsprogramm konkurrieren 19 Filme um den Goldenen und Silbernen Bären, die am 24. Februar 2018 im Berlinale-Palast überreicht werden. #metoo – das Thema Missbrauch ist natürlich auch bei den 68. Internationalen Filmfestspielen Berlin präsent.

Darüber sowie über die wichtigsten Filme und ihre Macher*innen berichten wir im kulturradio vom 15. bis zum 25. Februar 2018 täglich.