"In den Gängen"; © Sommerhaus Filmproduktion / Anke Neugebauer
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68. Berlinale | Wettbewerb - "In den Gängen"

Bewertung:

"In den Gängen" heißt Thomas Stubers Film, der am Freitag als letzter deutscher Wettbewerbsbeitrag bei der Berlinale anlief. Der Film mit Franz Rogowski, dem European Shooting Star der Berlinale, führt in die die Lebenswelt eines Großmarkt-Angestellten.

Der vierte deutsche Film im Wettbewerb ist die Verfilmung einer Kurzgeschichte des Leipziger Autors Clemens Meyer. Es geht um den ganz einfachen Arbeitsalltag in einem Großmarkt, im Niemandsland des Ostens, um eine Schar von Angestellten, die hier die Regale ein- und aufräumen.

Franz Rogowski glänzt

Als Zuschauer wird man mit Christian in diesen Lebensraum eingeführt, Christian, der gerade auf dem Bau gefeuert wurde, hier anfängt und eingearbeitet wird, der wie alle Menschen hier nur sehr wenig Worte verliert, aber schweigend dann doch sehr viel erzählt.

Nach Transit von Christian Petzold glänzt Shooting-Star Franz Rogowski hier zum zweiten Mal bärenwürdig in einer Hauptrolle im Wettbewerb. Schon oft hat er eher wortkarge Helden gespielt, treibt das hier aber noch weiter, lässt noch ein bisschen tiefer in eine geschundene Seele blicken.

In Peter Kurth, der schon in Stubers letzter Clemens Meyer-Verfilmung Herbert den ALS-kranken Boxer eindrucksvoll verkörpert hat, hat er dabei einen wunderbaren Spielpartner, immer zugleich schweigend und beredt. Und dann entwickelt sich noch ganz behutsam eine zarte Liebesgeschichte zwischen Christian aus der Getränke- und Marion aus der Süßwarenabteilung (Sandra Hüller), eine Liebesgeschichte, in der alle anderen Angestellten quasi als Paten fungieren.

"In den Gängen"; © Sommerhaus Filmproduktion
Bild: Sommerhaus Filmproduktion

Ganz großes Kino

Thomas Stuber gelingt das Kunststück, den ganz ehrlichen Alltag von Angestellten im Großmarkt mit einer so zärtlichen Genauigkeit einzufangen, dass er zu etwas Wunderbarem wird. All die kleinen, genau beobachteten Details, wie Christian morgens den blauen Kittel überstreift, den Ärmel über die Tattoos zieht, Stifte und Papiercutter routiniert in die Tasche gleiten lässt, am Ende noch ein Blick in den Spiegel mit der Aufschrift "so sehen Dich die Kunden".

Diese kleinen Handgriffe, Bewegungen, Gesten und Blicke entwickeln eine unerhörte Magie, ohne die Monotonie und die Schufterei zu verleugnen, die damit auch einhergeht. Die Ernüchterung der Menschen in diesen öden Gegenden des Ostens, von denen sonst nur spröde Dokumentationen erzählen, ist durch die zärtliche Zugewandtheit des Blicks absolut wahrhaftig, und zugleich magisch.

Das fängt schon in den ersten Szenen an, ein Blick übers kahle Feld im Osten Deutschlands mit ein paar Bäumen in der Ferne, der leere Parkplatz, der dunkle Großmarkt, durch den dann wie von Geisterhand im Walzertakt die gelben Gabelstapler rollen.

Ganz großes Kino, das unbedingt mit einem Bären belohnt werden sollte!

Anke Sterneborg, kulturradio

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Darüber sowie über die wichtigsten Filme und ihre Macher*innen berichten wir im kulturradio vom 15. bis zum 25. Februar 2018 täglich.