"Las herederas"; © lababosacine
Bild: lababosacine

68. Berlinale | Wettbewerb - "Las Herederas"

Bewertung:

In seinem Langfilmdebüt "Las Herederas" porträtiert Marcelo Martinessi die introvertierte Chela, die vor neuen Herausforderungen steht, als ihre Lebensgefährtin wegen Überschuldung ins Gefängnis kommt. Aus Geldnot bietet sie einen Taxi-Service für reiche Seniorinnen an und lernt dabei eine junge, lebensfrohe Frau kennen.

Nach der festlichen Eröffnung am Donnerstagabend hat am Freitag der Festival-Alltag begonnen. Der erste Film des Wettbewerbstages war "Las Herederas" von Marcelo Martinessi, zugleich auch der erste Film aus Paraguay im Berlinale Wettbewerb.

Vor zwei Jahren zeigte der Regisseur auf dem Festival in Venedig die Dokumentation "The Lost Voice" über ein berüchtigtes Massaker in der jüngsten Geschichte des Landes. Im Vergleich zu diesem harten Stoff ist sein Spielfilmdebüt eine intime Geschichte über zwei alte Damen, Chela and Chiquita, die Schwestern oder auch Freundinnen sein könnten. Sie leben in einem schönen, geräumigen Haus in Asuncion, können sich diesen wohlhabenden Lebenswandel aber nicht mehr leisten, weshalb sie Hausrat und Möbel zum Verkauf anbieten. Ständig kommen fremde Leute, die sich alles anschauen und überall herumstöbern, was Chela heimlich durch halb geöffnete Türen beobachtet.

Auch der Film lässt alle Informationen nur langsam und diskret, fast konspirativ durchsickern. Als Chiquita ins Gefängnis muss, weil sie ihre Schulden nicht bezahlen kann, beginnt Chela sich mit privaten Taxifahrten Geld dazu zu verdienen.

"Las herederas"; © lababosacine
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Intim und politisch

Trotz der Intimität des Erzählens hat der Film starke politische Untertöne. Allein die Tatsache, dass er auf dem Festival läuft, ist bereits ein politischer Akt in einem Land, dessen Kinogeschichte Jahrzehnte unterbrochen war, während andere lateinamerikanische Länder Geschichte und Gegenwart in wuchtigen Filmen verarbeitet haben.

Bis heute ist die Gesellschaft in Paraguay durch Militär und katholische Kirche geprägt. Entsprechend ist dort auch Homosexualität noch immer ein Tabu, weshalb der Regisseur, der eine Londoner Filmschule besucht hat, in diskreten Andeutungen, zugleich aber auch sehr unaufgeregt und selbstverständlich von der lesbischen Beziehung der beiden Damen erzählt. Dabei ist der Blick immer sehr nah an den Frauen dran, mit ihnen sieht man die Welt wie eine Art Gefängnis durch Türöffnungen oder kleine Autofenster.

Der Film nimmt zunächst Chelas defensive Haltung auf, ihre vorsichtige und zurückhaltende Art, sich in einer engen und schummrigen Welt zu bewegen, beginnt aber auch Luft zu holen, sobald sie anfängt,  sich zarte Freiheiten zu nehmen. Indem der Film vom Aufbruch einer Frau erzählt, die sich nie um irgendetwas kümmern musste und jetzt gezwungen ist, aktiv zu werden, erzählt er unterschwellig auch vom Erwachen des filmischen Erzählens in Paraguay.

Es passt

Insofern ist "Las Herederas" ein Film, der gut zur Berlinale passt, die in ihrem betont politischen Ansatz immer wieder Filme aus bedrohten Filmländern gezeigt hat. Vor ein paar Jahren gab es den ersten Film aus Peru, "La teta asustada – Eine Perle Ewigkeit" von Claudia Llosa, der 2009 auch den goldenen Bären bekam, oder im letzten Jahr "Körper und Seele" von der Ungarin Ildeko Enyedi.

Anke Sterneborg, kulturradio

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Im Wettbewerbsprogramm konkurrieren 19 Filme um den Goldenen und Silbernen Bären, die am 24. Februar 2018 im Berlinale-Palast überreicht werden. #metoo – das Thema Missbrauch ist natürlich auch bei den 68. Internationalen Filmfestspielen Berlin präsent.

Darüber sowie über die wichtigsten Filme und ihre Macher*innen berichten wir im kulturradio vom 15. bis zum 25. Februar 2018 täglich.