"Touch Me Not"; © Manekino Film, Rohfilm, Pink, Agitprop, Les Films de l'Etranger
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68. Berlinale | Wettbewerb - "Touch Me Not"

Bewertung:

Der Debütfilm von Adina Pintilie zum Thema Intimität.

Auch der zweite Wettbewerbsbeitrag des Tages ist ein Kinodebüt, in dem die rumänische Regisseurin die Zuschauer mit einer ganzen Reihe von Szenen von recht unbequemer Intimität konfrontiert: Eine ältere Frau lotet mit Sexarbeitern und Sexualtherapeuten ihre Grenzen aus. Bei einer Art therapeutischem Happening üben Behinderte und nicht Behinderte verschiedene Situationen von Nähe, Begegnung und Berührung. Es geht um alle erdenklichen Formen zwischenmenschlicher Annäherung, als Therapie, als Selbsterfahrungsspiel, als Orgie.

Drastische Konfrontation

Statt erotischen Voyeurismus zu befeuern, düpieren viele der psychischen und physischen Selbstentblößungen – was auch mit den sehr weißen, sehr geometrischen, klinischen Räumen zu tun hat – mit der Allgegenwärtigkeit des Kamerablicks und damit, dass die Menschen alle nicht makellos schön sind, sondern älter, anders oder versehrt, eine Transgenderfrau, eine Frau um die fünfzig, ein völlig haarloser Mann, (der bekannte isländische Schauspieler Tómas Lemarquis, u. a. "Blade Runner 2049") ein Häufchen Mann im Rollstuhl, mit verkrüppelten Ärmchen, verdrehtem Körper, ein paar hervorstehenden Zähnen im schiefen Gesicht.

Während man noch mit der eigenen Abwehr ringt, befragt die Regisseurin (deren Gesicht über einen vor die Kamera montierten Spiegel sichtbar ist) diesen Mann, der Christian heißt (und ähnliche Fragen auch bei der Pressekonferenz beantwortet hat), warum er sich bereit erklärt habe, sich so zu offenbaren. Was dann folgt, ist ein tief berührender Moment, in dem er erklärt, dass er sich selber gar nicht als Behinderter sehe, dass er ein glücklicher Mensch mit sexuellen Bedürfnissen und einer erfüllten Beziehung sei, dass er seine Sexualität ausleben möchte und vor allem darunter leide, dass die Menschen so verklemmt und berührungsfeindlich auf ihn reagieren. Urplötzlich ist man auch als Zuschauer drastisch mit den eigenen Vorurteilen konfrontiert.

Nah an der Wirklichkeit

Ähnlich ist es wohl auch der Künstlerin und Regisseurin Adina Pintilie ergangen, als sie merkte, dass sie im Umgang mit Sexualität und Beziehung längst nicht so frei ist, wie sie glaubte. Darum hat sie eine Art Forschungsprojekt initiiert und in einem zwei Jahre dauernden Casting-Prozess weniger Schauspieler als Laien und Verbündete gesucht, die ihre eigenen Biografien, Erfahrungen und Hemmungen innerhalb eines fiktiven Rahmen ausleben.

Dabei ist ein Film entstanden, der ein Grenzgang ist, zwischen Spielfilm, Dokumentation und Experimentalfilm. Wie viele Filme dieses Wettbewerbsjahrgangs, ist auch dieser nicht unbedingt angenehm und leicht verdaulich, aber trotzdem wagemutig und wichtig. Und wie viele Filme in diesem Jahr sind auch hier die Fiktionen schwindelerregend nah an der Wirklichkeit angesiedelt.

Anke Sterneborg, kulturradio

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Darüber sowie über die wichtigsten Filme und ihre Macher*innen berichten wir im kulturradio vom 15. bis zum 25. Februar 2018 täglich.