68. Berlinale | Wettbewerb - "Utøya 22. juli"

Bewertung:

69 Todesopfer und zahlreiche Verletzte, die meisten davon Jugendliche: Der Überfall des Rechtsextremen Anders Breivik auf ein Ferienlager der sozialdemokratischen Partei auf der Insel Utøya im Jahr 2011 wurde zum nationalen Trauma für Norwegen.

"Utøya" – dieser Name steht für eines der schlimmsten Verbrechen der jüngeren Geschichte: 69 Kinder und Jugendliche hat ein rechtsradikaler Mörder am 22. Juli 2011 auf der kleinen Insel erschossen, allesamt Teilnehmer eines Jugendcamps der sozialdemokratischen Partei Norwegens. Regisseur Erik Poppe ("Kongens Nei") hat versucht, das Geschehen in einen Spielfilm zu fassen.

Vom allerersten Schuss des Attentäters bis zum Eintreffen der ersten Rettungskräfte auf der Insel sind 72 Minuten vergangen: 72 Minuten nackte Todesangst, das ist schwer zu ertragen – und doch sind Regisseur Erik Poppe und sein Team junger Laiendarsteller mit größtmöglicher Zurückhaltung an das Thema herangegangen.

Ein Film über die Opfer

Nach einigen dokumentarischen Bildern aus Oslo, wo der Täter eine Autobombe gezündet und weitere 8 Menschen getötet hatte, führt der Film direkt auf die Insel. Die Kamera begleitet die 19-jährige Kaja (Andrea Berntzen), die gemeinsam mit ihrer jüngeren Schwester Emilie (Elli Osbourne) nach Utøya gekommen ist. Die beiden Mädchen streiten sich ein bisschen über die Ordnung im Zelt, dann geht Kaja mit ihren Freunden zum Grillen, als die ersten Schüsse fallen.

Anschließend folgt die 72-minütige Einstellung, die das Herzstück dieses Films darstellt und die ohne einen einzigen Schnitt auskommt. Dabei folgt die Kamera Kaja, die sich zu verstecken versucht vor den Schüssen, die von überall her zu kommen scheinen. Doch trotz aller Panik geht ihr die Menschlichkeit nicht verloren. Sie hilft Jüngeren und Schwächeren, sie sucht nach ihrer Schwester und sie muss am Ende miterleben, wie ein angeschossenes Mädchen in ihren Armen verblutet.

Gelungen

Die Charaktere sind fiktionalisiert, dramaturgische Mittel werden mit größter Sparsamkeit eingesetzt und vor allem: Der Mörder wird nicht ein einziges Mal gezeigt. Bei der Erstellung des Drehbuchs waren gleich mehrere Überlebende des Anschlags mit eingebunden, ihre Erfahrungen haben die Drehbuchautorinnen Anne Bache-Wig und Siv Rajendram Eliassen zu einem "exemplarischen" Fall kondensiert.

Er habe einen Film über die Opfer drehen wollen, sagt Regisseur Erik Poppe, weil er es nicht mehr ausgehalten habe, dass alle Welt nur über den Täter spreche. Das ist ihm gelungen. Diesen Film anzusehen, tut trotzdem sehr weh.

Carsten Beyer, kulturradio

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68. Berlinale – Plakatmotiv mit Bär; Montage: rbb
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Berlinale | 15. - 25.02.2018 - 68. Internationale Filmfestspiele Berlin

Im Wettbewerbsprogramm konkurrieren 19 Filme um den Goldenen und Silbernen Bären, die am 24. Februar 2018 im Berlinale-Palast überreicht werden. #metoo – das Thema Missbrauch ist natürlich auch bei den 68. Internationalen Filmfestspielen Berlin präsent.

Darüber sowie über die wichtigsten Filme und ihre Macher*innen berichten wir im kulturradio vom 15. bis zum 25. Februar 2018 täglich.