Pio © DCM
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Drama - "Pio"

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Am Anfang von Jonas Carpignanos Film stand ein Diebstahl: Der italo-amerikanische Regisseur wurde auf seine Hauptfigur, den 14jährigen Roma-Jungen Pio aufmerksam, als er bei Dreharbeiten in Kalabrien von dessen Sippe bestohlen wurde.  

In seinem Debütfilm "Mediterranea" hat der italienische Regisseur Jonas Carpignano vor zwei Jahren vom Leben afrikanischer Flüchtlinge in Italien erzählt. Auch sein zweiter Film "Pio", der im letzten Jahr in der Quinzaine des Realisateurs auf dem Filmfestival von Cannes seine Premiere feierte, mischt er sich wieder ins Leben an den Rändern der italienischen Gesellschaft, dieses Mal stehen die in Süditalien lebenden Roma im Zentrum.

Nach "Das Mädchen aus dem Norden" ist das schon der zweite Film, der in dieser Startwoche vom Erwachsenwerden unter schwierigen Bedingungen erzählt, nach dem 14jährigen Mädchen in den 30er Jahren in Schweden, geht es hier um einen Jungen im selben Alter im heutigen Italien, zwischen afrikanischen Flüchtlingen, italienischen Mafia-Gangstern und Roma, drei Bevölkerungsgruppen, die sich feindselig gegenüberstehen, Pio ist der Einzige, der sich unkompliziert zwischen den Lagern bewegt.

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Große Empathie

Nach langen ruhigen Blicken in eine raue süditalienische Landschaft, die auch in Rumänien liegen könnte, wechselt der Film abrupt Tonfall und Rhythmus, die Leinwand wird schwarz, mit einem Rumms wird man mitten in die Welt des vierzehnjährigen Pio katapultiert, ein wilder, wütender ungestümer Junge, der nach dem Vorbild seines älteren Bruders mit kleinen und großen Raubzügen den Lebensunterhalt seiner Roma-Großfamilie unterstützen will.

Doch Jonas Carpignano geht es nicht um die Bestätigung gängiger Vorurteile über Sinti und Roma, er will nicht werten und verurteilen, nähert sich Menschen, die keine Chance auf legales Überleben haben stattdessen mit großer Empathie.

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Nah dran

Wie schon in seinem letzten Film arbeitet der Regisseur auch hier wieder mit Laiendarstellern, die sich unter ihren eigenen Namen innerhalb eines fiktiven Gerüsts selber spielen. Gefunden hat Carpigniano seinen ruppigen Helden und seine chaotisch quirlige Familie bei den Dreharbeiten von "Mediterraneo", als ihm sein Auto von den Roma gestohlen wurde, so wie es auch im Film passiert. Gedreht wurde einem vibrierend atemlosen Stil, in der Tradition des Neorealismus, gewürzt mit amerikanischen kriminellen Energien.

Die Kamera ist immer ganz nah dran an Pio, schaut ihm mal über die Schulter, mal ins Gesicht. Dabei entwickelt der jugendliche Sturm und Drang einen enormen Sog und mutet nicht zufällig wie eine Roma-Version des New Yorker Hexenkessels an, von dem Martin Scorsese in seinen frühen Filmen immer wieder erzählte: Der Regisseur, der wie Carpigniano in New York geboren ist und aus einer italoamerikanischen Familie stammt, hat den Film als ausführender Prouzent begleitet und unterstützt.

Trifft mitten ins Herz

Bei näherem Hinsehen erweist sich Pio als eine Art Sequel zu "Mediterraneo", dem ersten Spielfilm des Regisseurs, der hier den Radius erweitert. Zu den afrikanischen Flüchtlingen, die in "Mediterraneo" gegen den alltäglichen Rassismus Italiens um eine neue Existenz kämpften, gesellen sich jetzt die Roma mit neuen Konflikten, in Form von Pio und seiner Großfamilie.

Während seine Familie nach dem Credo "wir gegen die Welt" lebt findet Pio in einem jungen Mann aus Burkina Faso den warmherzigen, humorvollen Freund Ayiva, dieselbe Figur, die vom selben Darsteller (Koudous Seihon) schon in "Mediterraneo" verkörpert wurde.

Als Kind kann sich Pio noch frei zwischen den unterschiedlichen Welten bewegen, an der Schwelle zum Erwachsenwerden muss er eine schmerzliche Entscheidung treffen, die auch den Zuschauer mitten ins Herz trifft!

Anke Sterneborg, kulturradio

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