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UFA Filmnächte - "Der Geiger von Florenz"

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Kino an lauen Spätsommerabenden – Zum ersten Mal war gestern die restaurierte Fassung von Paul Czinners Stummfilmklassiker bei den Berliner UFA Filmnächten zu sehen.

Seit acht Jahren gibt es die UFA Filmnächte, ein ganz besonderes Highlight des Berliner Kultursommers. An lauen Spätsommerabenden werden ausgewählte Klassiker und restaurierte Raritäten aus dem Filmschatz der UFA vor spektakulärer historischer Kulisse gezeigt, Open Air und mit Livemusik- Begleitung auf einer eigens errichteten Orchesterbühne und Großleinwand im Kolonnadenhof der Museumsinsel. Gestern wurde das Ereignis mit Paul Czinners 1926 entstandenem Stummfilm "Der Geiger von Florenz" eröffnet. Ende September ist der frisch restaurierte und digitalisierte Film, mit der neu komponierten Filmmusik von Uwe Dierksen auf Arte zu sehen.

Coming of Age?

Heute würde man "Der Geiger von Florenz" wohl als Coming of Age-Film bezeichnen: Nach dem Tod ihrer Mutter konkurriert das junge Mädchen Renee (Elisabeth Bergner) mit einer neuen Frau um die Liebe ihres Vaters. (Conrad Veidt, "Das Kabinett des Dr. Caligari") Sie fühlt sich vernachlässigt und wirft auch mal aufsässig ein Glas samt Inhalt nach der Ehefrau, bis der Vater das Mädchen in ein Schweizer Internat steckt, von wo sie bald ausreißt und als Junge verkleidet über die Grenze nach Florenz reist. Beim spontanen Straßenkonzert mit Geige erregt sie die Aufmerksamkeit eines Malers, dem sie als Junge Modell steht. Doch langsam regen sich seine Zweifel an der wahren Identität seines Modells.

Elisabeth Bergner war zur Zeit des Drehs bereits ein berühmter Theater- und Kinostar, und hatte bereits Übung mit Geschlechtertausch-Rollen, u.a. als Rosalind in Shakespeares "Wie es Euch gefällt". Dass sie ein Teenager ist und allen Ernstes für einen Jungen gehalten wird ist im Film nur ein oberflächliches Spiel, das dieser jungen Frau den Ausbruch aus den Konventionen ermöglicht. Am Ende allerdings mündet das freie wilde Leben dieser jungen modernen Frau doch unweigerlich in der Ehe, übrigens auch für Elisabeth Bergner, die bald darauf ihren Regisseur Paul Czinner heiratete und noch mehrere Filme mit ihm drehte.

Frisch und unmittelbar

Im Kontrast zu expressionistischen Stummfilmklassikern wie "Das Kabinett des Dr. Caligari" oder "Der müde Tod", wirkt "Der Geiger von Florenz" sehr frisch und unmittelbar, mit kleinen, verspielt komischen Vignetten, wenn etwa die eifersüchtige Renée am Esstisch beharrlich eine riesige Blumenvase zwischen ihren Vater und die Stiefmutter schiebt. Und wenn der Film in der zweiten Hälfte nach Italien zieht, wo viele Szenen an realen Schauplätzen im Freien gedreht wurden, weht fast so ein Anflug von Neorealismus durch die Bilder, eine Freiheit auch in der Mimik und in Bewegungen, in der körperlichen Nähe zwischen den Figuren.

Für diese neue, restaurierte Fassung des Films hat Uwe Diercksen im Auftrag von arte eine ganz neue Filmmusik für ein kleines Ensemble komponiert. Statt die Handlung nur vor sich her zu treiben oder zu illustrieren, setzt sie mit Kontrabass, Violine und Mandoline oft kontrapunktische Akzente. Statt die Gefühle zu verdoppeln, ist es eher so, als würde sie sie zum Tanz herausfordern.

Zusammengesetzt aus weltweit verfügbaren Kopien

Nach "Das Kabinett des Dr Caligari" und "Der müde Tod" ist "Der Geiger von Florenz" der dritte Film, bei dem Bertelsmann die Restaurierungsarbeit der Friedrich Murnau-Stiftung unterstützt. Dabei geht es vor allem um die Erhaltung des Filmkulturerbes, durch eine Verbesserung der Bildqualität, durch die Digitalisierung der Kopien und die detektivische Rekonstruktion der ursprünglichen Fassungen. Beim "Geiger von Florenz" war die deutsche Original-Kopie gar nicht mehr vorhanden, in Amerika wurde der Film um 20 Minuten gekürzt musste aus allen weltweit verfügbaren Kopien, Stückchen für Stückchen wieder die ursprüngliche Form zusammengesetzt werden.

Anke Sterneborg, kulturradio

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