Léa Drucker und Denis Ménochet in Nach dem Urteil
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Drama - "Nach dem Urteil"

Bewertung:

Diesem Film kann man sich nur schwer entziehen. Dabei ist weder das Thema noch die Umsetzung leicht zugänglich.

Vielleicht ist es genau das: Die Ernsthaftigkeit mit der der französische Regisseur Xavier Legrand hier ein Thema auf den Tisch bringt, dessen Brisanz noch immer nicht im öffentlichen Bewusstsein angekommen ist – die häusliche Gewalt.

Es geht um eine zerbrochene Ehe. Der Mann liebt die Frau noch immer, will sie zurück. Sie aber ist mit den beiden Kindern – das Mädchen ist 17, der Junge 11 – ausgezogen, hat bei ihren Eltern Zuflucht gefunden. Der Vater fordert Besuchsrecht ein, will seinen Sohn sehen, der aber will nicht. Und muss doch. Denn das Gericht hat so entschieden. Der Junge aber hat Angst. Weniger um sich selbst, als um seine Mutter, von der er glaubt, sie vor dem gewaltbereiten Vater schützen zu müssen. So wird das Kind zum Opfer. Besser: Er opfert sich.

Warten, dass etwas passiert

Ist der Junge, der seinen Vater nicht sehen will, von seiner Mutter beeinflusst? Gab es wirklich Gewalt in der Familie? So wie die Richterin, die über diesen Fall zu entscheiden hat und die wir zu Beginn des Films bei ihren Nöten beobachten, müssen auch wir Zuschauer uns entscheiden, wem wir glauben. Denn zunächst ist keine Gewalt sichtbar. Doch sie wird spürbar. Es ist eine allmähliche Steigerung. Als Zuschauer ist man die ganze Zeit mit seinen eigenen Bildern konfrontiert. Wir warten förmlich darauf, dass etwas passiert.

Filmstill: Nach dem Urteil
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So wie Kinder in diesen Konflikten eben tatsächlich keine Sprache haben, agiert auch der junge Thomas Gioria vornehmlich durch Blicke. Bemerkenswert ist auch die Leistung von Denis Ménochet: Sein Balanceakt ist es, nicht nur der Schläger zu sein, sondern auch der Mann, der Vater und Ehemann sein will.

Ein Film, der wehtut

Legrand lässt sich viel Zeit, ruhig und unaufgeregt findet er in langen Einstellungen starke Bilder. Er verzichtet auf Musik und setzt auf die Eigendynamik eines solchen Beziehungsdramas. So gibt er den Schauspielern Raum, die Geschichte mit ihren unzähligen emotionalen Facetten von ihrer Einzigartigkeit ins Universale zu heben.

"Nach dem Urteil" ist ein Film, der uns auf erschreckende Weise die Hilflosigkeit von uns allen – inklusive der Justiz – vor Augen führt. Ein Film, der wehtut.

Christine Deggau, kulturradio