Szenenbild aus "Amazing Grace" von Alan Elliott (Quelle: Berlinale/Amazing Grace Movie, LLC)
Bild: Berlinale/Amazing Grace Movie, LLC

69. Berlinale | Wettbewerb - "Amazing Grace"

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Das Publikum in der New Temple Missionary Baptist Church ist eine Sensation – nicht umsonst wollte Aretha Franklin ihre Platte genau dort aufnehmen. "Amazing Grace" wird zum Meilenstein ihrer Karriere. Jetzt, fast 50 Jahre später, kommt Sydney Pollacks Film in die Kinos. Zum Glück!  

Die "Queen of Soul" bei der Rückkehr zu ihren Wurzeln: Im Januar 1972, auf dem Höhepunkt ihres Ruhms begibt sich Aretha Franklin in eine Baptisten-Kirche in Los Angeles, um dort eine Gospel-Platte aufzunehmen:  "Amazing Grace" wird zum Meilenstein ihrer Karriere und zum bestverkauften Gospel-Album aller Zeiten. Der Filmemacher Sidney Pollack – später ein Hollywoodstar, zu diesem Zeitpunkt aber noch weitgehend unbekannt – hat die Aufnahmen damals für Warner Brothers dokumentiert. Doch sein Film kam nie ins Kino.  Aufgrund eines technischen Fehlers waren die Bild – und Tonaufnahmen nicht synchron, ein Problem, das sich mit den technischen Mitteln der Zeit nicht beheben ließ. Erst jetzt, fast 50 Jahre später, hat US-Produzent Alan Elliott "Amazing Grace" fertig gestellt.

Amerikanische Musikgeschichte

Elliott hat das ursprüngliche Filmgerüst von Sidney Pollack weitestgehend übernommen. Lediglich die Bild- und Tonspuren wurden synchronisiert und die Songs des Abends in eine chronologische Reihenfolge gebracht.  Auf das nachträgliche Einfügen von Interviewpassagen und auch auf moderne technische Mätzchen hat er dagegen verzichtet. Eine richtige Entscheidung, denn so bekommt man einen sehr authentischen Konzertfilm zu sehen, der die Wurzeln der US- amerikanischen Musikgeschichte freilegt.

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Aretha in Hochform

Aretha Franklin ist an diesen beiden Abenden in Hochform: 29 Jahre ist sie zu diesem Zeitpunkt, und sie zeigt, warum viele Kritiker in den USA sie für die größte lebende Sängerin des Landes halten: Egal, ob sie Gospel- Klassiker wie "Precious Memories" und "What a friend we have in Jesus" singt oder mit "Wholly Holy" eine Komposition ihres Kollegen Marvin Gaye intoniert - jede Note, jede Phrasierung sitzt. Dazu groovt eine routinierte Studioband und der Southern California Community Choir unter seinem Leiter James Cleveland liefert ein solides Fundament. "Auch wenn heute viele Menschen Aretha für eine Popsängerin halten", sagt ihr Vater Reverend C.L. Franklin, der stolz im Publikum sitzt und später im Film eine kleine Lobrede auf seine Tochter halten darf, "im Grunde hat sie die Kirche nie verlassen".

Ein großartiges musikhistorisches Dokument

Doch nicht nur die Musiker sind mitreißend, auch das Publikum in der New Temple Missionary Baptist Church ist eine Sensation– nicht umsonst wollte Aretha Franklin ihre Platte genau dort aufnehmen. Am Anfang sitzen die Zuschauer noch brav in ihren Kirchenbänken, mit zunehmender Dauer des Konzerts aber werden sie von der Wucht und der Spiritualität der Musik mitgerissen. Es wird getanzt, es wird mitgesungen, alte Frauen schreien ihr Glaubens-Bekenntnis heraus und an einer Stelle fliegt ein vollgeheultes Taschentuch nur um Haaresbreite am Kopf der Sängerin vorbei direkt in die Kamera, während im Hintergrund Rolling Stones - Sänger Mick Jagger und sein Bandkumpel Charlie Watts entspannt mitgrooven.

Zu Lebzeiten von Aretha Franklin gab es viel Streit um diesen Film. Zwischen den Rechteinhabern und dem Management der Sängerin wurde ums Geld gefeilscht. Jetzt ist der Film endlich für alle zu sehen – und das ist gut so, denn er ist nicht nur ein großartiges musikhistorisches Dokument, sondern auch eine Hommage an eine der größten Sängerinnen aller Zeiten.

Carsten Beyer, kulturradio

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"Marighella" ist das Regiedebüt des Schauspielers Wagner Moura, der vor zwölf Jahren als Darsteller zur Berlinale kam, in dem mit dem Goldenen Bären ausgezeichneten Film "Tropa de Elite". Darüberhinaus ist er auch aus der Fernsehserie "Narcos" bekannt, in der er den berüchtigten Drogenboss Pablo Escobar spielt.

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