Robert Naylor in Répertoire des villes disparues | Ghost Town Anthology © Lou Scamble
Lou Scamble
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69. Berlinale | Wettbewerb - "Ghost Town Anthology"

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Ungebremst rast der junge Simon Dubé mit seinem Auto gegen eine Mauer. War es Selbstmord oder doch ein Unfall? Das weiß keiner so genau im kleinen Ort Irénée-les-Neiges in der Weite des ländlichen Kanada.

Weder Simons älterer Bruder Jimmy (Robert Naylor) noch seine Eltern Gisèle (Josée Deschenes) und Romuald (Jean-Michel Anctil) können den Tod des jungen Mannes akzeptieren und mit ihnen fällt der ganze Ort in eine Art Schockstarre, in der sich nur noch die umtriebige Bürgermeisterin (Diane Lavallée) bewegt.

Irénée-les-Neiges wird mit seinen 215 Einwohnern zur "Ghost Town", zur Geisterstadt - wie so viele andere Gemeinden in Quebec. Die Jungen wollen weg. Die Alten haben Angst, dass die dörfliche Struktur immer weiter zerfällt. Und je länger die Trauer über den toten Simon andauert, desto mehr übernehmen tatsächlich die Geister die Stadt.

Eindruck des Surrealen

Der Kanadier Denis Coté ("Vic & Flo ont vu un ours", "Boris sans Béatrice") ist ein Regisseur, der dem Zuschauer in seinen Filmen viel Spielraum für Interpretation lässt. Das ist auch in der "Ghost Town Anthology" so, der freien Adaption einer Sammlung von Short Stories seines Landsmanns Laurence Olivier.

Die Bilder sind grobkörnig und flirrend – dank der 16mm-Perspektive von Kameramann François Messier-Rheault – und die Tristesse des kanadischen Winters verstärkt noch den Eindruck des Surrealen, Übernatürlichen. Am Ende stehen die Toten wieder auf und die ängstliche Adèle (Larissa Coriveaux) geht in die Luft.

Gefühl der Unausgegorenheit

Wie gehen die Menschen mit Trauer um? Diese Frage steht im Zentrum des Films. Es geht aber auch um die Angst vor Veränderung und um die besondere Situation der französischsprachigen Kanadier innerhalb ihres Landes.

Von einem "Buffet" spricht Denis Coté bei der Pressekonferenz, an dem sich jeder Zuschauer nach seinem Gusto bedienen könne. Doch diese mangelnde Festlegung führt beim Zuschauer zu einer gewissen Ratlosigkeit: So bleibt am Ende – trotz vieler guter Regie-Einfälle und eines überzeugenden Casts – ein Gefühl der Unausgegorenheit.

Carsten Beyer, kulturradio

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