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69. Berlinale | Wettbewerb - "Marighella"

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"Marighella" ist das Regiedebüt des Schauspielers Wagner Moura, der vor zwölf Jahren als Darsteller zur Berlinale kam, in dem mit dem Goldenen Bären ausgezeichneten Film "Tropa de Elite". Darüberhinaus ist er auch aus der Fernsehserie "Narcos" bekannt, in der er den berüchtigten Drogenboss Pablo Escobar spielt.

"Marighella" spielt in den Sechzigerjahren zwischen Rio de Janeiro, São Paulo und Salvador. Nach dem Militärputsch von 1964 wurde in Brasilien mit Hilfe der CIA eine Militärregierung installiert. Die sollte eigentlich nur eine Übergangsregierung bis zu demokratischen Wahlen sein, zu denen es dann aber nie kam. Die Diktatur währte 21 Jahre, in denen das Volk mit Zensur, Folter, Polizei und Militärschikanen terrorisiert wurde.

Der Afrobrasilianer Carlos Marighella, imposant verkörpert von Seu Jorge, war Schriftsteller und Aktivist und wichtiger Anführer der studentischen Widerstandsbewegung, die das Militärregime stürzen wollte. Er wurde zum Staatsfeind Nr. 1 erklärt und 1969 von der Polizei erschossen.

Der Schauspieler Wagner Moura ist mit der Enkelin von Marighella befreundet, die eine Biografie über ihren berühmten, vergessenen Großvater verfasst hat. Nachdem er zunächst nur als Produzent agieren wollte, hat Moura sich entschieden, Drehbuch und Regie selbst zu übernehmen.

Bei der Pressekonferenz und abends bei der Weltpremiere des Films, zu der 30 Mitglieder von Team und Cast angereist waren, war der leidenschaftliche Einsatz aller Beteiligten zu spüren – für einen Film, der es im derzeitigen Brasilien unter dem neuen, offen homophoben und rassistischen Präsidenten schwer haben wird, ins Kino zu kommen.

Während Ausstattung, Kostüme und Bildgestaltung die Sechzigerjahre stimmungsvoll wiederaufleben lassen, entwickeln die Flucht-, Kampf- und zum Teil sehr harten Folterszenen eine vibrierende, fast dokumentarische Intensität. In 2 ½ Stunden gelingt dem Regiedebütanten die Verflechtung von Privatem und Politischem.

Einerseits ist "Marighella" ein brisant aktueller Politthriller über den Widerstand gegen ein gewalttätiges Regime. Andererseits geht es immer wieder auch um die Auswirkungen dieses Lebens für die Revolution, auf die Familien, die Ehen, die Beziehungen von Vätern und Söhnen. Dabei schlägt sich der Film auf die Seite der Revolutionäre, die für freie Meinungsäußerung und Demokratie kämpfen.

Aber auch der finstere Antipode im Polizeirevier vermittelt glaubhaft, dass er aus Überzeugung für das Wohl seines Landes handelt. Der Schauspieler der ihn spielt, hatte seine Mühe, solche rassistischen Haltungen zu vertreten, war aber der Meinung, er müsse es für die Generation seiner Kinder tun.

Statt mit Waffen gehen die Filmemacher hier mit der Kamera ans Werk. Und als Ausdruck ihrer Überzeugungen treten die Schauspieler im Film größtenteils unter ihren realen Namen auf.

Anke Sterneborg, kulturradio

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Szenenbild aus "Amazing Grace" von Alan Elliott (Quelle: Berlinale/Amazing Grace Movie, LLC)
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