Berlinale 2019 | Di jiu tian chang © Li Tienan / Dongchun Films
Bild: Li Tienan / Dongchun Films

69. Berlinale | Wettbewerb - Di jiu tian chang (So long, my son)

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Drei Jahrzehnte Familiendrama, die tragische Geschichte eines verwaisten Ehepaares im China von der Kulturrevolution bis in die 1980er Jahre - davon erzählt der Film "So long, My Son" des Regisseurs Wang Xiaoshuai.

Arm, aber glücklich: So kann man das Leben des Mechanikers Liu Yaojun (Wang Jingchun) und seiner Frau Wang Liyun (Yong Mei) beschreiben: Sie arbeiten gemeinsam in einer Metall- Fabrik, leben in einer kleinen Einzimmer-Wohnung im Arbeiterwohnheim und sind von Freunden und Kollegen umgeben. Doch eines Tages kommt ihr Sohn beim Baden in einem nahegelegen Stausee ums Leben – eine absolute Katastrophe für die Eltern, die noch schlimmer gemacht wird durch die Tatsache, dass Sie zuvor ein weiteres Kind abtreiben mussten - auf Druck der Parteisekretärin Li Hayan (Al Lyia). Als dann auch noch die Fabrik in Schwierigkeiten gerät und Yaojun und Liyun ihre Jobs verlieren, entschließen sich die Beiden, wegzugehen und ganz weit weg im Süden des Landes noch einmal neu anzufangen: Sie eröffnen am Meer eine kleine Werkstatt, adoptieren einen Jungen (Wang Juan) und geben ihm den Namen ihres verstorbenen Kinds. Doch bald schon wird klar, dass man die Vergangenheit nicht einfach wieder zurückholen kann. "Für uns ist die Zeit stehen geblieben. Wir warten nur noch darauf, alt zu werden" sagt Yaojun an einer Stelle.

In einfühlsamen Bildern (Kamera: Kim Hyung-Seok) und mit einem großartigen Schauspieler – Ensemble führt Regisseur Wang Xiaoshuai ("Bejing Bycicles", "In Love We Trust") die Zuschauer durch eine regelrechte Achterbahn der Gefühle: Permanente Vor – und Zurückblenden, verschachtelte Erzählebenen und ein komplizierter Plot machen das Zuschauen nicht einfach. Doch das Dranbleiben lohnt sich, denn ganz am Ende des Films gibt es für das vom Schicksal gebeutelte Paar doch noch so etwas wie eine Katharsis.

"So long, my son" ist eine kluge und brillant erzählte Abrechnung mit der chinesischen Sozialpolitik der letzten 30 Jahre: Die verheerenden Folgen der Ein - Kind Politik in den 80er Jahren, die Privatisierungen in der chinesischen Wirtschaft und die tiefgreifenden strukturellen Veränderungen, die das Land in dieser Zeit erfahren hat – all das spielt in dem Film eine Rolle. Was macht ein solcher Umbruch mit den Menschen? Und wie können diese Verwundungen, die ein solcher Innovationsschub zwangsläufig mit sich bringt, vielleicht doch wieder geheilt werden?

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"Das Private ist politisch" – das war das Motto, das Dieter Kosslick über diese 69. Berlinale gesetzt hat, die letzte unter seiner Ägide. Wenn überhaupt einer der Wettbewerbsfilme diesen Anspruch wirklich umgesetzt hat, dann dieser.

Carsten Beyer, kulturradio

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Berlinale/Amazing Grace Movie, LLC

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