Systemsprengervon Nora Fingscheidt, mit Helena Zengel; © Peter Hartwig/kineo/Weydemann Bros./Yunus Roy Imer
Bild: Peter Hartwig/kineo/Weydemann Bros./Yunus Roy Imer

69. Berlinale | Wettbewerb - "Systemsprenger"

Bewertung:

Der deutsche Wettbewerbsbeitrag "Systemsprenger" erzählt die Geschichte der 9-jährigen Benni, die alle Regeln bricht und durch die Raster der deutschen Kinder- und Jugendhilfe fällt. Das Drehbuch der Regisseurin Nora Fingscheidt wurde schon mehrfach preisgekrönt – jetzt hat sie den Stoff verfilmt.

Benni (Helena Zengel) ist ein echter Satansbraten. Mit ihren blonden Haaren und den blauen Augen sieht die Neunjährige zwar aus wie ein kleiner Engel, doch wehe irgendjemand kommt ihr zu nahe: Dann wird sie aggressiv. Sie kratzt, sie beißt, sie schlägt um sich und wirft mit Schimpfwörtern um sich, die man nun wirklich nicht aus dem Mund eines süßen kleinen Mädchens erwarten würde.

Aus mehreren Wohngruppen ist sie bereits rausgeflogen, in die Schule geht sie nur sporadisch und selbst in der Kinder- und Jugendpsychiatrie sind die Ärzte ratlos. Im Grunde möchte Benni nur eines – zurück zu ihrer Mutter (Lisa Hagmeister). Die aber lebt mit einem gewalttätigen Mann zusammen, hat noch zwei andere kleine Kinder und ist mit ihrer wilden Tochter komplett überfordert.

Unpassend für die wohlgeordnete Welt

Systemsprenger – so werden Kinder und Jugendliche genannt, die auf die eine oder andere Art nicht in unsere wohlgeordnete Welt passen: Weil sie traumatisiert sind, weil sie psychisch krank sind, weil sie immer wieder ausreißen oder gewalttätig werden.

Nora Fingscheidt hat diesen Begriff vor sechs Jahren zum ersten Mal gehört. Damals war die junge Braunschweigerin noch Studentin auf der Film-Uni und drehte gerade einen Dokumentarfilm in einem Frauenhaus. Nun hat sie daraus ihr Spielfilmdebüt gemacht – und es damit direkt in den Wettbewerb der Berlinale geschafft.

Verwundungen aus früher Kindheit

In ihrem Film geht es Fingscheidt nicht darum, ein Systemversagen zu dokumentieren. Die Erzieher, die Ärzte, die Lehrer und auch die Einzelfall-Betreuerin vom Jugendamt – sie alle tun ihr Bestes. Man merkt Ihnen an, wie sehr ihnen das Schicksal des Mädchens am Herzen liegt. Und doch scheitern sie immer wieder, weil Benni irgendwann ausrastet, weil sie wegläuft oder alles um sich herum kurz und klein schlägt. Ihre Verwundungen aus ihrer frühen Kindheit sind offenbar so tief, dass sie sie nicht überwinden kann.

Essenz der Schauspielerei

"Systemsprenger" ist eine Tour de Force, die getragen wird von einer phantastischen Hauptdarstellerin: Zwei Stunden lang gibt Helena Zengel auf der Leinwand Vollgas, fällt dabei von einem Extrem ins andere – und bleibt doch immer ganz natürlich.

Neben ihr zu spielen, habe ihn an die Essenz der Schauspielerei erinnert, sagt Albrecht Schuch auf der Pressekonferenz – der Mann, der Benni als knurriger Sozialarbeiter Micha noch am Nächsten kommen darf. Er hat Recht.

Carsten Beyer, kulturradio

weitere rezensionen

Filmstill aus "Marighella" (2019) von Regisseur Wagner Moura (Bild: O2 Filmes )
O2 Filmes

69. Berlinale | Wettbewerb - "Marighella"

"Marighella" ist das Regiedebüt des Schauspielers Wagner Moura, der vor zwölf Jahren als Darsteller zur Berlinale kam, in dem mit dem Goldenen Bären ausgezeichneten Film "Tropa de Elite". Darüberhinaus ist er auch aus der Fernsehserie "Narcos" bekannt, in der er den berüchtigten Drogenboss Pablo Escobar spielt.

Bewertung:
Szenenbild aus "Amazing Grace" von Alan Elliott (Quelle: Berlinale/Amazing Grace Movie, LLC)
Berlinale/Amazing Grace Movie, LLC

69. Berlinale | Wettbewerb - "Amazing Grace"

Das Publikum in der New Temple Missionary Baptist Church ist eine Sensation – nicht umsonst wollte Aretha Franklin ihre Platte genau dort aufnehmen. "Amazing Grace" wird zum Meilenstein ihrer Karriere. Jetzt, fast 50 Jahre später, kommt Sydney Pollacks Film in die Kinos. Zum Glück!  

Bewertung: