Kirsons; Büffet; © Kirsons GmbH
Bild: Kirsons

Restaurant - "Kirsons Charlotte"

Bewertung:

Ein Selbstbedienungsrestaurant am Checkpoint Charlie – Thomas Platt hat sich ein Tablett geschnappt und nicht nur Piroggen und Sauerkraut probiert.

Es gibt viele – und darunter auch ein paar gute – Gründe, warum die deutsche Volksküche "wie bei Muttern" in die Kantine verbannt wurde. Sie ist dort nicht auf Bewährung, sondern zur Bewahrung. Zumeist gehen ihre Kuratoren sehr kostenbewusst zu Werke und bedienen sich dabei aus einem reichen Angebot, das vor allem die Lebensmittelindustrie bereitstellt.

Wohin man auch geht, man begegnet einem ziemlich uniformen Angebot, das überwiegend in Großküchen geschmiedet wird. Auf den ersten Blick scheint das bei einer verwandten Küche kaum anders, die aus dem Baltikum nach Kreuzberg eingewandert ist und dicht beim Checkpoint Charlie Platz genommen hat.

Speisen in Großpfannen

Dem Selbstbedienungsrestaurant Kirsons, das zu einer Kette mit Stammsitz in Riga gehört, etwas abgewinnen zu können, setzt eine tüchtige Portion Lebensmittelhumor voraus. Und ebenso Sinn fürs Kuriose benötigt der Gast zudem, wenn er nach einigen Fotos mit dem Mobiltelefon zum Verhör durch die Restaurantleiterin gebeten wird. Dabei bieten sich die Auslagen als Fotoobjekte eigentlich (der Kreuzberger sagt "einklisch") überhaupt nicht an.

Ähnlich wie auf einer Ostseefähre liegen in Großpfannen lieblos angerichtete (man könnte auch "pragmatisch" sagen) Speisen da, gerne einmal in dicken Saucen. Viel Fleisch – gegrillt, paniert, überbacken, auf Spieße gereiht, zu Küchlein geformt, aus Ragouts lugend – ist darunter, gründlich gegartes Kraut sowie schließlich Berge von Kohlehydraten, bei denen einem unwillkürlich das alte Ostwort "Sättigungsbeilage" in den Sinn kommt. Wer Frische sucht, trifft sich beim Salat.

Dennoch lohnt es sich, ins Detail zu gehen. Und da wirkt die Kohlroulade mit Karotten, die ja noch nie ein Muster der Ansehnlichkeit gewesen ist, durchaus wie ein gekochtes Argument dafür, warum man sie überhaupt macht. Das Hackfleisch ist locker, dabei so gewürzt, dass die Krauthülle noch etwas zum insgesamt mild-vollen Aroma beisteuern kann.

Die (übrigens absolut überzeugende) Crème fraîche vervollkommnet diesen fast schon demonstrativ unprätentiösen Teller genauso wie das leicht rauchig-speckige Sauerkraut, dessen Säure nicht in den Vordergrund tritt. Dass der Koch es gleichsam in die Knie gezwungen hat, folgt einer Tradition, die an bestimmten Gerichten ihre Vortägigkeit schätzt. In dem hierzulande selten gebotenen, leicht medizinal schmeckenden Buchweizen würde der leicht rötliche Beiguss nahezu folgenlos verschwinden.

Wickel mit Hüttenkäse oder Hackfleischfüllung

Das kann der knallroten Sauce zu den Piroggen nicht passieren. Sie wurde nämlich aus pürierten Erdbeeren hergestellt und kann aus einem Topf geschöpft werden, unter dem (wie beim Ketchup und Meerrettich auch) an der Theke ein Schild mit dem verheißungsvollen Wort "kostenlos" angebracht wurde.

Die massiven Wickel aus Pfannkuchen schmecken, obwohl ihre Außenhaut unter den Wärmelampen etwas Fensterledriges angenommen hat, sowohl mit Hüttenkäse als auch mit Hackfleischfüllung durchaus. Besonders dann, wenn man sie ordentlich mit Fruchtsauce oder Crème fraîche benetzt.

Auch der überbackene Seelachs übertrifft spielend die Zubereitungen vergleichbarer Stätten. Das liegt vor allem daran, dass kein Käse zum Einsatz kommt, sondern eine Art Bechamél-Soufflé, die dem Fisch den Saft erhält. Überhaupt wird bei den meisten Gerichten Fett nicht als Schmiermittel und billiger Geschmacksträger verwandt, sondern eher kontrolliert eingesetzt, was zum Beispiel dem leicht geräucherten Rotbarschfilet zugutekommt.

Diese ungewohnte Zurückhaltung bedeutet indessen nicht, dass nicht doch reichlich Fettaugen auf der Fleischklößchen-Suppe schwimmen dürften. Die Namens gebende Einlage ist mürbe, fast wie bei guten Leberknödeln, und fügt sich nahtlos zu einer Brühe mit einiger Tiefe.

Einladung zur Ausbreitung

Die Tiefe des Raumes und seine Breite bieten dem Einzelnen als auch Gruppen nicht nur Platz, sondern laden zur Ausbreitung ein, die allein schon durch die vielen Tabletts erforderlich ist. Wer gerne in die Vergangenheit blickt – und sei es auch nur, weil er sich vergewissern möchte, dass sie vollendet ist – dürfte in einem Ambiente aus Zwischendeck, Autobahnraststätte, Panoramaplattform und Großcafé (üppige Torten gleich am Eingang) interessante Erinnerungsanstöße finden. Die Speisen aus einem verewigten Gestern nehmen sich dazu mit einem Mal so aus: possierlich.

Thomas Platt, kulturradio  

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