Restaurant Lawrence; © picture alliance/Jens Kalaene
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Restaurant - "Lawrence"

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Das Anliegen der Betreiber ist ehrenwert und ihm würde gerade mit einer prachtvollen und authentischen Küche aus dem Nahen Osten weitaus mehr gedient sein als mit lieblosen zubereiteten Speisen.

In Richard Lesters Film "The Neck - Der gewisse Kniff" wird eine Wohnung von Kopf bis Fuß weiß angestrichen. Damals, in den frühen Sechzigern des letzten Jahrhunderts war dies ein Akt des Protests, der Versuch, zumindest gefühlsmäßig allem den gleichen Wert zuzumessen. Heute dagegen wirkt so eine Maßnahme höchstens noch wie eine Geste oder eine Reprise. An einem Ort, wo Mitte kaum mittiger sein könnte, spielt Weiß trotzdem auch über die Wandfarbe hinaus eine bestimmende Rolle - und womöglich ist es ein Signal, dass hier manches anders ist als in den vielen Lokalitäten an den Ufern der Oranienburger Straße.

Orientalisch angelegt

Während die meisten von ihnen ihr Tun der Verköstigung touristischer Massen geweiht haben, bildet die Ecke an der Tucholskystraße einen starken Kontrast. Der Restauration dort nämlich, einem Bistrot-Café namens "Lawrence", wird von "Freeartus" betrieben, einer Initiative von internationalen Künstlern, Kulturmanagern, Galeristen, Journalisten sowie anderen Mitgliedern des Kulturbetriebs, und hat zum Ziel, das friedliche Zusammenleben von Einheimischen und Flüchtlingen und natürlich auch die künstlerische Kooperation (zur Zeit stellt der Berliner Maler Henning Rohde in der angeschlossenen Galerie aus) zu fördern.

Die Küche ist orientalisch angelegt und von morgens bis mitternachts in Betrieb. "Chefkoch Mustafa ist Kurde, der zweite Koch Nader ist Syrer. Und das Serviceteam versammelt Deutsche, Italienier, Amerikaner,  Kanadier, Syrer, Iraker, Kurden, Palästinenser", führt die Webseite an.

Ernüchternd

Was im Bereich der Beköstigung geschieht, dürfte exemplarisch sein für so manches, das an Orten geschieht, die in der Tradition der Philanthropie zu stehen scheinen. Dort nämlich verdeutlicht das Projekt, dass es sein edles Anliegen nicht unbedingt auf die Küche auszudehnen bereit ist. Allein der Blick auf zwei Vorspeisen ist ernüchternd. Bei den "Batata Harra Orientale" handelt es sich keineswegs um scharfe Kartoffelecken auf syrische Art sondern um gekochte Würfel ohne jeden Anflug von Kruste. In der Pfanne sind sie lediglich mit reichlich Fett in Berührung gekommen sowie Koriandergrün und ein bisschen Chili. "Sambusek Vegetarisch" heißt eine starre, zum Halbmond geformte und mit Sesamsaat bestreute Teigtasche, die den Begriff Teig sehr ernst nimmt - und folglich der Füllung aus Schafskäse und Rosmarin enge Grenzen setzt. .

Enttäuschend

Auf den ersten Blick einladend üppig dagegen wirkt "Kabab". Doch der mit zwei Lammspießen in Tomatensauce, Reis, Salatstreifen, Hummus, gegrillter Paprika, einem mit Kreuzkümmel odorierten roten Mus und einer Art Mayonnaise sowie zwei Fladenbrotecken überladene Teller enttäuscht mit fast jeder Einzelheit. Während das stark mit Knoblauch versetzte Lammhack krustig und saftig ist, sticht aus der Kichererbsenpaste Säure hervor (was ein Indiz für Dosenware ist), aus der Sauce ein Ketchupton und der fade Reis glänzt vor Fett. Das Brot ist trocken wie auch die übergestreuten Kräuter.

Einen sehr ähnlichen Eindruck erlaubt "Shish Taluk". Dort bleibt der Hähnchenspieß ebenfalls saftig und hat mit Curry eine Würzung erfahren, die man vielleicht mit "nett" am besten beschreibt, der Rest scheint bloß eine anspruchslose Ansammlung zur Vertreibung des Hungers zu sein - und leider auch des Appetits.

Lieblos

Wer sich ihn bewahrt, darf weiter teelichthafte Projektatmosphäre schnuppern und kann beim Milchreis mit Zimt eine seltene Erfahrung machen: wie man einen Badezusatz in das aromatische Spektrum integriert. Denn die Köche haben mit großzügiger Geste eine ansehnliche Menge Rosenwasser in die weiße Crème geschüttet. Dennoch bleibt das Anliegen der Betreiber ehrenwert und ihm würde gerade mit einer prachtvollen und authentischen Küche aus dem Nahen Osten weitaus mehr gedient sein als mit lieblosen zubereiteten Speisen. Denn die fehlt ohnehin in Berlin.

Thomas Platt, kulturradio  

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