MARS | Küche & Bar silent green Kulturproduktionen; © Katha Mau
Bild: Katha Mau

silent green Kulturproduktionen - MARS | Küche & Bar

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Dass es sich um eine Gründung von Außerirdischen handeln könnte, erscheint im MARS gar nicht einmal so abwegig. Situiert in einem leibhaftigen Krematorium mit einem beeindruckenden Turmoktogon, wirkt dieses Tagesrestaurant und Café im nüchternen Wedding wie vom Himmel gefallen.

Als Nachbar eines Waldfriedhofs sowie eines Programmkinos, vermag sich der Gast im MARS auch noch im lang gestreckten Kiesgarten in einer Art extraterrestrischen Zone zu fühlen. Auch das Retro-Midcentury-Mobiliar des Möbelkünstlers Piet Hein Eck im Inneren des Gebäudes leistet seinen Beitrag zu einem ziemlich individualistischen Auftritt, der wenig zu schaffen hat mit dem Geist, der sonst im Norden Berlins zu wehen pflegt.

Intelligente Erkundungen

Tatsächlich wurden die gewaltigen, von Neon konturierten Buchstaben an der Stirnseite des Tagesrestaurants und Cafés nicht von Marsmännchen mitgebracht, sondern sind ein Wort, das sich aus einer Hinterlassenschaft der Firma OSRAM sinnvoll bilden ließ. Fremdartig ist auch das Essen nicht, zumindest auf den ersten Blick. Denn zum Beispiel das schlicht "Feld Gemüse" genannte Gericht sieht zunächst aus wie ein landläufiger vegetarischer Teller.

Doch es sind nicht Seelen- und Einfallslosigkeit, die hier den üblichen bunten Reigen geflochten haben. Vielmehr handelt es sich um eine intelligente Erkundung des saisonalen Gemüses, in dessen Mittelpunkt rote und gelbe Beten gerückt werden. Ziegenkäse und ein herb gehaltenes Tahini-Püree (das man auch Hummus nennen könnte) ergänzen die erdigen Noten des bissfest gegarten Gemüses und die wirklich frisch aus der Schote geholten Erbsen (inzwischen hierzulande etwas Exotisches) ergänzen das Geschmacksbild mit einem vegetabilen Aroma, das die Unreife streift. Einen ersten Fingerzeig, dass Alice, die australische Köchin, sorgfältig und wohl auch mit persönlichem Interesse ihrer Profession nachgeht, hatte schon die gedünstete Tomate im Mittelpunkt des Tellers gegeben: Ihre Haut war abgezogen.

MARS | Küche & Bar silent green Kulturproduktionen; © Katha Mau
Bild: Katha Mau

Aromatische Tiefe

Der "Shepherd‘s Pie" weicht zwar formal vom angelsächsischen Pub-Original ab, weil die übliche Blätterteighülle lediglich als Zitat garniert mit Sesamkörnern obenauf liegt, aber diese Art Fleischpudding oder Schmorfleisch-Quiche mit karamellisierten Zwiebeln ist ein Musterbeispiel von aromatischer Tiefe und eben jener Herzhaftigkeit, die niemals ins Vulgäre kippt.

Man verzeiht bei diesem Wetter sowieso gerne, wenn die Speisen nicht dampfend heiß auf den Tisch kommen. Doch im Fall des "Geschmortes Rind" betitelten Gerichts würde man das Laue auch bei weitaus kühleren Bedingungen kaum beanstanden. Denn das langfasrige Fleisch – ein prächtiges Stück zum Preis 9,20 Euro – ist angenehm weich, bietet den Zähnen trotzdem noch den gebotenen Widerstand und wirkt vom Aroma her so, als wäre extra noch eine Consommé double injiziert worden. Das Karotten-Mais-Püree und die gebackenen Möhren, flankiert von süß-saurem Petersilien-Pesto, variieren das Thema Gemüsesüße auf gekonnte Weise. Christoph (wir befinden uns in einem Vornamen-Resort), der gelernte Schreiner, trägt neben den Speisen noch tüchtige Portionen Humor zu Gästen, die vom genius loci allesamt berührt werden.

MARS | Küche & Bar silent green Kulturproduktionen; © Cordia Schlegemilch
Bild: Cordia Schlegemilch

Einzigartige Balance

Auch wenn man lediglich die Gazpacho mit einzigartiger Tomaten-Paprika-Balance oder die wie eine Spargelcrème angelegte Kartoffelsuppe, die ohne Majoranattacke oder Speckseligkeit auskommt, probiert hat, wird man sich ernsthaft fragen, warum nicht an vielen anderen Orten, die mit bodenständiger Küche winken, wenigstens ansatzweise so gekocht wird wie auf dem Mars.

Thomas Platt, kulturradio  

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