Tisk Salat © www.juni-fotografen.de
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Neo-defitige Küche in Neukölln - Tisk

Bewertung:

Federvieh ohne Wienerwald-Touch.  Wer sich darüber informieren will, wie junge Köche mit heimischer Tradition umgehen, ist in der Neuköllner Spiesekneipe am richtigen  Ort.

Eine Erbsensuppe kann man kaum besser machen. Sie trifft genau das Thema. Herausgearbeitet ist sowohl ein leicht unreif wirkendes, süß-salziges Aroma, das sozusagen Ton in Ton noch von Schnittlauch-Olivenöl akzentuiert wird, als auch die nahezu perfekte Beschaffenheit. Der vegetabile Geschmack wird gleichsam mit dem richtigen Quantum Sämigkeit in die Gourmetliga transponiert. Die zwischen Eintopf und gebundener Brühe gelagerte Flüssigkeit wird unmittelbar vor dem Servieren leicht aufgeschäumt, bleibt jedoch noch ziemlich heiß und fühlt sich glatt auf der Zunge an. Dennoch werden erbsenmehlige Momente als Zeichen wohlverstandener Rustikalität nicht unterschlagen. 

Tisk Innenansicht © www.juni-fotografen.de
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Karger Einrichtungsstil

In dieser Form könnte diese lindgrüne Löffelspeise auch in Sternerestaurants auf den Tisch kommen. Dort jedoch wäre nicht nur der Rahmen anders, sondern so gut wie alles andere auch. Angefangen beim Brot, das hier in einem ziemlich tristen Wohnwinkel zwischen Rathaus Neukölln, dem Kindl Zentrum für zeitgenössische Kunst und dem Boddinplatz durch sein Ausbleiben auf sich aufmerksam macht. Dieser Mangel passt zu einem kargen Einrichtungsstil, in dessen Zentrum eine lange Thekenkurve das Geschehen im Gastraum von einer offenen Küche trennt. Angenehmer logiert man jetzt noch vor der Türe, wo reichlich Besteck schon in ausgedienten Dosen auf den Ansturm von Gästen wartet. 

Tisk Broiler im Janzen © www.juni-fotografen.de
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Broiler mit Mischgemüse

Wenn man Glück hat, bereitet hinter der Theke "The Taste"-Gewinner Kristof Mulack seinen inzwischen zu einiger Bekanntheit gelangten Broiler mit Mischgemüse zu, ein eher sanft gegartes, saftiges Federvieh ohne jeglichen Wienerwald-Touch — und eben auch darum ein Exempel echter Nostalgie. Vielleicht noch Ausschlag gebender für diesen deutschen, neo-deftigen Küchenstil ist Martin Müller. Der junge Berliner hat in einem der vielen Zweitrestaurants des Superstars Tim Raue bereits einen vergleichbaren Ansatz verfolgt. Deshalb kann man das Tisk durchaus in der Nachfolge des "La Soupe Populaire" sehen. Die aromastarken Blutwurstknödel, das Senfei mit Blumenkohl, der vielleicht doch überwürzte Linsensalat mit Wurzelgemüse oder die marinierte Makrele zum sogenannten Jurkensalat hätten auch auf dem Prenzlauer Berg auf der Karte stehen können.

Heimische Tradition neu gekocht

Im Mittagsmenü wird als Hauptgang Gulasch annonciert. Es tut der Sache keinen Abbruch, dass unter dieser Bezeichnung eine dicke, angenehm zart-feste Scheibe vom Schäufele-Braten neben schön gebuttertem Kartoffelbrei firmiert. Die dunkle Sauce weist ebenfalls nicht die üblicherweise von Paprika, Kümmel und Piment gesteuerte Typik auf, ist aber in seiner vitalen Art ein kleines Aromenwunder. Nur die grob geschnitzten Möhrenwürfel und Selleriestangen wurden mit tüchtig Säure ganz unnötig dem Geschmacksbild von Perlzwiebeln angenähert, die ebenfalls in die Komposition Eingang gefunden haben. Auch in der abschließenden Rote Grütze rumort spitze Frische — doch es ist allein schon eine Freude, diese von der Industrie okkupierte Speise wieder einmal in satter Ursprünglichkeit zu erleben. 

Wer sich darüber informieren will, wie junge Köche mit heimischer Tradition umgehen, oder nur Freunden aus mediterranen Gefilden die ganze Exotik der deutschen Hausmannskost vorführen möchte, ist hier am gepflasterten Zusammenfluss von Isar und Neckar absolut am richtigen Ort.

Thomas Platt, kulturradio  

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